Beppe Grillo: Populist oder Premier?

„Ihr lebenden Leichen, ich reiße euch den Arsch auf!“ schreit Grillo auf der Bühne vor den Gegnern des Hochgeschwindigkeitszuges. „Sie wollen uns glauben machen, dass man 20 Milliarden Euro ausgeben kann, um 20 Minuten zu sparen! Um danach zwölf Stunden allein für die Strecke SalernoReggio Calabria zu brauchen! Ist es ein Fortschritt, wenn der Mozzarella mit 300 Stundenkilometern durch das Susa-Tal rast? Ist es ein Fortschritt, wenn Kartoffeln in Deutschland geschält, in Sizilien gewaschen, in Genua frittiert und in Deutschland verpackt werden?“

BEPPE GRILLO


Grillo, Italiens grosser Kabarettist, schäumt, und das Volk jubelt ihm zu, als ob’s eine supergelungene Wahlveranstaltung wäre. Übrigens würden ihn 34% der Italiener gerne als Premier sehen (September 2007). Als er schließlich wieder durch die Menge geleitet wird, wollen ihn alle noch mal anfassen, ihm Wimpel schenken, handgeschriebene Zettelchen zustecken, die von unentdeckten Skandalen künden, ihn per Handy fotografieren. Grillo hat für jeden ein Wort, einen Witz, eine Umarmung. Im Laufen klärt er noch eine Fernsehreporterin über die Umweltschädlichkeit von Kühlschränken auf, er verliert selbst dann nicht die Geduld, als sich ein Mann zu ihm in den Kleinbus zwängt. Er behauptet von sich, ein Nuklearmediziner zu sein, der mit Elektroschocks behandelt wurde, und breitet auf seinen Knien eine zerfledderte Europakarte aus, deren Grenzen er selbst gezeichnet hat. Dann erklärt er, dass es wenig sinnvoll sei, den Zug an der kurvigen Küste entlangzuführen, und schlägt eine gerade Gleisführung vor. Das leuchtet mir ein, sagt Grillo. Und der Mann ist glücklich.

HERALD TRIBUNE

Die International Herald Tribune titelt mit Grillo. Das amerikanische Time-Magazin krönte Beppe Grillo für sein Engagement zum »europäischen Helden«. Natürlich haben schon einige politische Parteien bei Grillo angefragt: Die Grünen hoffen, mit ihm die eigene Antriebs- und Bedeutungslosigkeit zu überwinden, und der ehemalige Staatsanwalt Antonio Di Pietro würde ihn auch gerne in den Reihen seiner Bürgerbewegung wissen. Aber Grillo bleibt stur. Lieber Ikone der Gegenaufklärung als Pappkamerad des italienischen Parlaments.

GRILLO UND PRODI

Längst am Höhepunkt seiner überwältigenden Popularität, begann Grillo politisch zu agitieren. Zu Zeiten Bettino Craxis, während Silvio Berlusconis unseliger Periode, und nun bekommt Prodi zunehmend ein Problem. Aktuell muss sich Prodi in reichweitenstarken TV-Sendungen mit Grillos Kampagnen gegen Italiens Europapolitiker, die mit dramatischem Abstand Europas bestbezahlte Parlamentarier sind, auseinandersetzen. Good luck, Mr. Prodi.

GRILLO IN MANTUA

Würde Grillo eine Partei gründen, wäre er Prodis einziger ernsthafter Konkurrent. 2006 stellte Beppe Grillo sein Blog ins Netz, seither befindet es sich an 13. Stelle der weltweit erfolgreichsten Blogs. Er kommentiert darin nicht nur das Tagesgeschehen, im Oktober lancierte er von seinem Weblog auch die Idee der »Meet-ups«: kleiner, renitenter Zellen, die innerhalb kürzester Zeit bereits 7000 Mitglieder zählten. Was hier in Turin stattfindet, ist der erste nationale Beppe-Grillo-Parteitag. Demokratie von unten. Grillos Apo. Sie können nicht länger so tun, als seien wir unsichtbar, sagt Grillo. Sie – das ist Italiens herrschende Klasse, die das Land wie eine Privatschatulle betrachtet, und deren Zynismus besonders junge Italiener abstößt.

ITALIA RESET

Populist oder Nostradamus? Weder noch, aber meine Überzeugung wächst, daß eine Gesellschaft mit ihrem Politik-und Wirtschaftssystem ziemlich heruntergekommen sein muss, um einem Populisten und Nostradamus nachhaltig Nährboden zu geben. Italien ist – wieder einmal – nur einen kleinen Schritt davon entfernt.

Über .kroski

Was bewegt mich? ".kroski" widmet sich der Auseinandersetzung Christentum kontra Humanismus. Diese ist mittlerweile zum bedeutsamsten Kulturkampf in unserer Gesellschaft geworden: Atheisten, Humanisten und Naturalisten treten immer schärfer gegen jede Form von Religion auf, und die Kirchen wehren sich zunehmend dagegen. Es geht also weniger um unsere christlichen Positionen in der Auseinandersetzung mit Islam und Judentum. Vielmehr ist es die Konfrontation zwischen dem "evolutionären" Humanismus einerseits und den Kirchen andererseits, die unsere Kinder beschäftigen wird. Da möchte ich meinen kleinen Teil dazu beitragen, christliche Werte glaubwürdig zu vertreten. Grüße aus einem spannenden Leben, .kroski

Veröffentlicht am 20. September, 2007 in Deutschland, Europa, Geschichte, Gesellschaft, Inspiration, Internet, Kultur, Medien, Menschen, Nachrichten, Politik und mit , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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