Nationalsozialismus, Wehrdienst und Kirche: Jägerstätter

Der Traum vom Zug in die Hölle

Zu einer Zeit, als viele unserer Großeltern sich von einem wirtschaftlich und politisch erstarkenden Deutschland blenden lassen – wir befinden uns im Jänner 1938 – hat Franz Jägerstätter einen Traum, bei dem er viele junge und alte Leute auf einen Eisenbahnzug zuströmen sieht. Eine Stimme sagt ihm, daß dieser Zug – in die Hölle fährt.

www.jaegerstaetter.at

„Ich möchte eben jedem zurufen, der sich in diesem Zuge befindet: ‚Springet aus, ehe dieser Zug in seine Endstation einfährt, wenn es dabei auch das Leben kostet!’ Somit glaub ich, hat mir Gott es durch diesen Traum oder Erscheinung klar genug gezeigt und ins Herz gelegt, mich zu entscheiden, ob Nationalsozialist – oder Katholik!“
(Gefängnisbriefe und Aufzeichnungen).

Eine Gruppe von Ordensfrauen habe nach dem Krieg die sterbliche Hülle Jägerstätters in sein Heimatdorf zurückgebracht. Danach habe über viele Jahre „betretenes Schweigen“ geherrscht. „Weder die Gesellschaft noch die Kirche wollten etwas wissen. Der Bischof, der ihn von seiner Haltung abzubringen versucht hatte, untersagte nun jede öffentliche Anerkennung, denn sie könnte jene beschämen, die gekämpft haben“.

Wichtige Zeugnisse aus Übersee

Das habe sich erst geändert, als der US-amerikanische Soziologe Gordon Zahn 1964 die Geschichte Jägerstätters publizierte, unter dem Titel „In Solitary Witness. The Life and Death of Franz Jägerstätter“. Das Grab des Märtyrers sei von da an immer mehr zu einer Pilgerstätte geworden. Die Kirche habe „langsam gelernt“, nun aber werde Franz Jägerstätter als Vorbild für heute präsentiert. „Ungerechte Kriege gehören nicht der Vergangenheit an. Wo sind die Jägerstätters von heute“, fragt Kanonikus Oestreicher.

Wer ist ein großer Österreicher?

In seinen Worten des Abschieds vor seiner Hinrichtung steht: »Möge Gott mein Leben hinnehmen als Sühn-Opfer nicht bloß für meine Sünden, sondern auch für andere.« Franz Jägerstätter, der 1943, als Kurt Waldheim auf dem Balkan nichts gesehen, nichts gehört und nichts getan haben wollte, seine Christenpflicht darin sah, jene Pflicht, die das NS-Regime von ihm forderte, nämlich die Wehrpflicht, nicht zu erfüllen.

Ein „Märtyrer des Gewissens“

„Jägerstätter war keiner, der der Mehrheit nach dem Mund geredet hat, und er wollte sich nicht auf allgemeine Vorschriften und Regeln ausreden. Im Gewissen war er aufgekärt, das heißt, er hat sich des eigenen Denkens bedient. Er bezog sich in seiner Urteilskraft auf das kirchliche Lehramt und nahm dieses auch beim Wort, als die meisten Bischöfe schwiegen. In der Rückschau erinnert sein Gewissensprotest gegen das nationalsozialistische Unrechtsregime daran, dass die Maßstäbe von Gut und Böse unverrückbar bleiben.“ (Manfred Scheuer, Bischof in Innsbruck)

Ein Familienmensch

St. Radegund, 4. 4. 1943, Auszug aus einem Brief Franziska Jägerstätters:
Gerne möchte ich dich besuchen, aber ich weiß es nicht, ob ich doch hinein dürfte oder vielleicht bloß einige Minuten, ich möchte dich deshalb fragen, wie du meinst? Denn es ist für beide etwas sehr Schmerzliches. Ich glaube, du wirst dich doch nicht so unglücklich fühlen, wie viele hier meinen, denn du hast ja, wie ich hoffe, ein großes Vertrauen zu unserm lieben Herrn Jesus und zu seiner himmlischen Mutter.

Ein Mann des Glaubens und des Humors

Linz, am 9. 4. 1943, Auszug aus einem Brief Franz Jägerstätters:
Wenn ich auch jetzt hinter Kerkermauern sitze, so glaub ich dennoch auch weiterhin auf deine Liebe und Treue bauen zu dürfen, und wenn ich auch vor dir aus diesem Leben scheiden sollte, auch noch übers Grab hinaus, denn du weißt es ja, dass ich nicht als Verbrecher hier sitze … Es grüßt dich nun herzlich dein neuer Gatte. Denn es heißt ja, dass sich in sieben Jahren der Mensch erneuert, so hast du eben ab heute einen neuen Gatten!

Die kirchenhistorische Aufarbeitung des Nationalsozialismus

Den Boden für die Seligsprechung Jägerstätters habe auch das Zweite Vatikanische Konzil bereitet, indem es Kriegsdienstverweigerung als gültigen Ausdruck katholischen Glaubens anerkannte, erinnerte Oestreicher. Maßgeblich habe daran der englische Jesuit und spätere Erzbischof von Bombay, Thomas Roberts (1893-1976), mitgewirkt, so der ehemalige Domdekan von Coventry. Auf dem Hintergrund der historischen Tatsache, dass katholische Bischöfe Hitlers Angriffskrieg unterstützt hätten, Militärkapläne dem selbsternannten „Führer“ Gefolgschaft schworen und Christen auf beiden Seiten „mit ruhigem Gewissen kämpften“, sei die Seligsprechung Jägerstätters „eine historische Kehrtwendung“. Oestreicher: „Die Kirche anerkennt, dass dieser Kriegsdienstverweigerer ein wahrhafter Märtyrer war. Dafür gibt es keinen zeitgenössischen Präzedenzfall“.

Seligsprechung am 26. Oktober 2007 im Mariendom Linz

„Ich hoffe, dass das Gedenken an Franz Jägerstätter zum offenen Raum für Erzählen, Bekenntnis und Hoffnung wird. Hoffnung, die auch die Täter und Verführten mit einschließt. Und noch eines: Ganz unterschiedliche Richtungen der österreichischen Kirche haben einen positiven Zugang zu Jägerstätter. Ich hoffe, dass Jägerstätter zum Kommunikator zwischen Gruppierungen der Kirche wird, die kaum mehr miteinander reden und sich wenig bis nichts zu sagen haben.“ (Manfred Scheuer, Bischof in Innsbruck)

Ein Vorbild zum Anfassen

Jägerstätter war ein Mensch, der mit klarem Blick die Ereignisse seiner Zeit zu deuten verstand. Er erkannte, dass Christentum und Nationalsozialismus nicht miteinander vereinbar sind und verweigerte standhaft, zum Kollaborateur des menschenverachtenden Systems zu werden. Besonders bewundernswert ist seine Treue dem eigenen Gewissen gegenüber, da selbst Geistliche ihm in eine andere Richtung rieten.
Franz Jägerstätters Entscheidung war ein Akt der Zivilcourage; und die war nicht nur in der Vergangenheit wichtig, sondern sie bleibt eine Aufgabe für die Gegenwart. In einer Zeit, in der rechtsextremes und ausländerfeindliches Gedankengut ein beängstigendes Hoch erlebt, darf Organisationen, die mit diesen Inhalten sympathisieren, keine Bühne geboten werden, so Stefan Wurm (Vorsitzender der KJÖ).

Jägerstätter ist ein Vorbild zum Anfassen und zeigt, wie man mit Zähigkeit Angriffe gegen die eigene Position aushalten kann. Konkret können junge Menschen von ihm lernen, wachen Herzens die Vorgänge unserer Welt zu verfolgen, reifen Gewissens Dinge zu beurteilen und demgemäß zu handeln.

Er war einer der ersten Motorradfahrer in St.Radegund, in jungen Jahren ein „Weiberer“ in seinem Ort, ein Mann in Lederjacke, der auch Handgreifliches nicht scheute. Er war und ist ein Mensch zum Anfassen. Den Rest seiner Geschichte dürfen wir ehren und verkünden.

Film, Literatur:

„Der Fall Jägerstätter“
Ein großartiger Film von Axel Corti

Ein Buchhinweis:

jaegerstaetter-buch.jpg

Über .kroski

Was bewegt mich? ".kroski" widmet sich der Auseinandersetzung Christentum kontra Humanismus. Diese ist mittlerweile zum bedeutsamsten Kulturkampf in unserer Gesellschaft geworden: Atheisten, Humanisten und Naturalisten treten immer schärfer gegen jede Form von Religion auf, und die Kirchen wehren sich zunehmend dagegen. Es geht also weniger um unsere christlichen Positionen in der Auseinandersetzung mit Islam und Judentum. Vielmehr ist es die Konfrontation zwischen dem "evolutionären" Humanismus einerseits und den Kirchen andererseits, die unsere Kinder beschäftigen wird. Da möchte ich meinen kleinen Teil dazu beitragen, christliche Werte glaubwürdig zu vertreten. Grüße aus einem spannenden Leben, .kroski

Veröffentlicht am 28. Oktober, 2007 in Österreich, Christen, Christentum, Glaube, Heilige, Holocaust, Menschen, Römisch-Katholische Kirche und mit , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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