Atheismus und der gottlose Humanismus

Im Jahr 1933, als das I. Humanistische Manifest entstand, wurde mein Vater geboren. Etwa ein viertel Jahrhundert konnte er nur seine Interessen, Werte und seine Würde leben. Meine Geburt bedeutete (wie die Geburt jedes Kindes) eine grosse Veränderung, wobei er es mit den humanistischen Prinzipien Toleranz, Gewaltfreiheit und Gewissensfreiheit sicher gut gehalten hat. Im Sinne moderner Wahlverwandtschaften liess er sich 3 Jahre später scheiden. So gesehen ein Musterbeispiel eines atheistischen Humanisten. Seine Konvertierung 2003 vom Protestanten zum römisch-katholischen Glauben passt nun nicht ganz zum skizzierten Bild.

Meinem Interesse an Atheismus und Humanismus tut dies keinen Abbruch. Vor wenigen Jahren entstand das Humanistische Manifest III. Was sind die Inhalte eines modernen Humanismus? Nicht sehr viele Nichtgläubige kennen diese Manifeste. Wobei diese eigentlich Verbindlichkeit haben sollten, jedenfalls aus Sicht der Autoren. Diese stellen immerhin eine guten Teil der atheistischen Crème de la Crème dar.

Voranstellen möchte ich 12 Kernsätze des atheistischen Humanismus, die sich deutlich aus dem nachfolgenden Text ergeben. Dieser Text zitiert entscheidende Passagen aus dem Humanistischen Manifest III, die jeweils kommentiert werden. Jeder Christ, Jude, Muslim und weitere Religionsangehörige, alle haben ein Anrecht zu erfahren, nach welchen Leitlinien der medial bestimmende Teil der Nichtgläubigen sein Leben ausrichtet. Weiters hat jeder, der beispielsweise das christliche Weltbild für irrelevant erklärt, einmal mehr die Chance, sich mit Kritik an seiner Weltsicht auseinanderzusetzen.

12 Kernsätze des atheistischen Humanismus:

1. Etablierung eines naturalistischen Weltbildes

Die Schaffung eines Weltbildes mit einer aggressiv betriebenen Ausklammerung von Metaphysik und Theologie ist das Ziel des Humanismus. Religionen und Theologie werden beiseite geschoben, und die mehrtausendjährige abend- und morgenländische Geistesgeschichte der Metaphysik wird für bedeutungslos erklärt.

2. Unbegrenzte Forschung schafft künstliches Leben

Eine freie und unbegrenzte Forschung ist das Ziel. Dabei steht nicht die Bewahrung des natürlichen Lebens, sondern die Schaffung künstlichen Lebens im Zentrum der Bemühungen.

3. Die Natur ist auf physikalisch-chemische Grundlagen rückführbar

Die Natur beruht eigentlich auf physikalisch-chemischen Grundlagen, erklärt das Manifest. Dabei bleibt offen, wie und in welcher Form ästhetischen und anderen kulturellen Ausdrucksformen Rechnung getragen werden soll.

4. Respekt vor geistigen Phänomenen erübrigt sich

Aufgrund der im Manifest vertretenen Thesen des nicht reduktiven Materialismus sind mentale Phänomene grossteils auf physikalische Ereignisse rückführbar. Die Geistebene bleibt somit ohne besonderen Stellenwert und ein Respekt vor geistigen und transzendentalen Phänomenen erübrigt sich.

5. Einen „intelligenten Plan“ gibt es nicht

Ausschliesslich nachprüfbares Wissen über die Natur kann für gesellschaftlich relevante Entscheidungen herangezogen werden. Die These eines „intelligenten Plans“ wird aufgrund statistischer „Beweisführungen“ ausgeschlossen. Neuere unbewiesene Thesen der Evolutionsbiologie und Kosmologie (Stichwort Multiversum) werden aufgegriffen, um die Gottesthese in ein möglichst unwahrscheinliches Licht zu rücken.

6. Naturwissenschaftliche Eliten entscheiden über Leben und Tod

Laut Manifest müssen bei Entscheidungsträgern naturwissenschaftliche Kenntnisse vorausgesetzt werden. In der Folge haben naturwissenschaftlich gebildete Eliten das Entscheidungsrecht ganz besonders für diejenigen Angelegenheiten, die über Leben und Tod befinden.

7. Das christliche Wertesystem hat sich humanistischen Wertesystemen unterzuordnen

Demokratische Gesellschaften können eine vielzahl alternativer Wertesysteme aufweisen. Das christliche Wertesystem hat, weil es wie andere Religionen auf Aberglauben beruht, keine weitere gesellschaftliche Berechtigung.

8. Humanistische Ethik ersetzt Liebe und Familie durch Glück und Selbstbestimmung

Die humanistische Ethik verwendet die Parameter Glück, Selbstbestimmung und soziale Gerechtigkeit. Die christlichen Werte Glaube, Hoffnung und Liebe werden als gesellschaftlich irrelevant zurückgewiesen. Die aktive Tätigkeit der Nächstenliebe wird auch nicht annähernd durch die passive Tugend „Wertschätzung“ ersetzt.

9. Jederzeit auflösbare Partnerschaften ersetzen die christliche Ehe

Der humanistische Sittenkodex übernimmt eine Reihe von Geboten aus religiösen Wertesystemen, ohne die gesellschaftliche Keimzelle Familie (Hetero-Ehe) ausdrücklich einzubinden. Jederzeit auflösbare zivilrechtliche Partnerschaften einschliesslich Homo-Ehe bilden das erklärte Gegenmodell zur christlichen Ehe.

10. Eltern dürfen christlich-sittliche Grundsätze nicht auf ihre Kinder übertragen

Festgestellt wird, dass Paare hinreichend über die Möglichkeit informiert werden müssen, von der künstlichen Befruchtung und biogenetischer Beratung Gebrauch zu machen. Obwohl von den Eltern vermittelte sittliche Grundsätze von großer Bedeutung sind, dürfen Eltern laut Manifest nicht ihre eigenen religiösen Anschauungen auf ihre Kinder übertragen.

11. Sterbehilfe, Abtreibung und Klonen sind wesentlich für die menschliche Freiheit und Selbstbestimmung

Die Humanisten werden die Debatte über die Sterbehilfe insbesondere in den Wohlstandsgesellschaften verstärkt führen, um unnötiges Leiden zu verkürzen und sogar den Tod schneller herbeizuführen. Aktive Sterbehilfe soll unter Berufung auf die Europäischen Menschenrechte gesellschaftsrechtlich verankert werden. Frauen müssen das Recht haben, über ihren Körper selbst zu bestimmen, d.h. sie können sich für oder gegen Fortpflanzung, Empfängnisverhütung, Abtreibung, Leihmutterschaft und Klonen entscheiden.

12. Einen Sinn des Lebens gibt es nicht

Für atheistische Humanisten gibt es kein Leben nach dem Tod. Das Leben ist dem Wesen nach sinnlos.

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Nun aber in medias res, aus dem Vorwort zum Humanistischen Manifest III:

„Der Humanismus hat zum Entwurf einer neuen ethischen Auffassung beigetragen, in deren Mittelpunkt die Werte von Freiheit und Glück sowie von allgemeinen Menschenrechten stehen.

Umdenken ist das Merkmal des Humanismus… wir, die Unterzeichner dieses Dokuments, sind bereit, unsere Meinungen angesichts neuer Erkenntnisse, geänderter Umstände und unvorhergesehener Probleme zu revidieren. Es ist unmöglich, ein bleibendes Manifest zu verfassen.“

[Kommentar, immer kursiv gedruckt] So gibt es in nur 75 Jahren bereits 3 Manifeste und eine Erklärung, wobei wir M. Schmidt-Salomons neues Manifest des evolutionären Humanismus (Giordano Bruno Stiftung) noch gar nicht mitgezählt haben! Die Gültigkeit solcher Manifeste beträgt demnach im Schnitt 15 Jahre, also eine halbe Generation. Meinungen revidieren zu können ist im Zeitalter der Aufklärung zu begrüssen. Andererseits sehe ich es als warnenden Hinweis für naturalistische Humanisten, ihre rationalen Potenzen nicht zu hoch zu bewerten. Wie kritisch sehen die Autoren des vorliegenden Manifests die vorangegangenen Entwürfe?

„Das Humanistische Manifest I erschien 1933 auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise. In diesem von 34 amerikanischen Humanisten (unter ihnen der Philosoph John Dewey) unterzeichneten Dokument fanden die Sorgen und Nöte jener Zeit ihren Niederschlag. Es empfahl zum einen eine Art von nicht theistischem, religiösem Humanismus …und zum anderen eine nationale Wirtschafts- und Sozialplanung.“

Die grosse Maschinerie der Planwirtschaft wurde im Manifest I deutlich unterstützt, um im nächsten Manifest…

„Das Humanistische Manifest II wurde 1973 veröffentlicht und beschäftigte sich mit den weltgeschichtlichen Ereignissen seit 1933: dem Aufstieg des Faschismus und seiner Überwindung im 2. Weltkrieg, dem zunehmenden Einfluss und der immer stärker werdenden Macht des Marxismus-Leninismus und des Maoismus, dem Kalten Krieg, dem Wirtschaftsaufschwung der Nachkriegszeit in Europa und Amerika, der Entkolonialisierung großer Gebiete auf der Welt, der Gründung der Vereinten Nationen, der sexuellen Revolution, dem Wachstum der Frauenbewegung, der Forderung von Minderheiten nach Gleichberechtigung und dem Aufkommen studentischer Macht an den Universitäten.

Das Humanistische Manifest II rechtfertigte nicht länger die Planwirtschaft, sondern fragte nach alternativen Wirtschaftssystemen. Auf diese Weise wurde es sowohl von Liberalen und wirtschaftlichen Indeterministen unterstützt, die einen freien Markt verfochten, als auch von Sozialdemokraten und demokratischen Sozialisten, die glaubten, dass der Staat in der Wohlfahrtsgesellschaft eine wesentliche Rolle zu spielen habe.“

…wieder verworfen zu werden. Wohlgemerkt, diese zitierten Texte bilden das Vorwort des Humanistischen Manifestes III, sind also keine Sekundärliteratur. Was soll nun die Planwirtschaft ablösen? Nun springt der Humanismus auf den Zug des Wohlfahrtsstaates auf. Zu den Zukunftsaussichten des Wohlfahrtsstaates lesen wir bei Philipp Genschel, Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln:

„Wächst der Wohlfahrtsstaat einfach aus den Finanzproblemen heraus, die ihn die letzten zwanzig Jahre geplagt haben? Das ist nicht ausgeschlossen. Es kommt darauf an, ob der gegenwärtige Aufschwung tatsächlich eine neue Periode höherer Wachstumsraten einläutet oder nur eine vorübergehende konjunkturelle Erholung markiert. Es kommt darauf an, ob die Staatsausgaben nicht noch viel schneller wachsen als die Wirtschaft. Wenn die guten Zeiten anhalten, wird es für die Regierungen schwieriger, nicht auch selbst mehr Geld für Gutes auszugeben. Nach 2015 kommen außerdem die fiskalischen Folgeprobleme der demographischen Alterung auf sie zu. Einige Experten sagen für diesen Zeitpunkt bereits eine neue Finanzkrise des Wohlfahrtsstaates voraus. Spätestens dann wird die Verzweiflung über den Steuerwettbewerb wieder zunehmen.“

Es ist bei den permanenten Problemen des Wohlfahrtsstaates und einem auf staatlich verordnete Solidarität ausgerichteten Humanismus nur eine Frage der Zeit, bis das aktuell bevorzugte Wirtschaftsmodell der Humanisten neuen Ansätzen Platz machen muss. Ungeklärt ist auch die Frage, ob ein gesamteuropäischer Wohlfahrtsstaat anstrebenswert oder auch nur in Ansätzen durchsetzbar wäre; viel Arbeit also für die Verfasser des bald zu erwartenden nächsten Manifests des Humanismus. Wie äussert man sich nun im Vorwort des vorliegenden Manifest III zu den gesellschaftspolitischen Fragen:

„Das Humanistische Manifest II wurde geschrieben, als uns eine neue moralische Revolution bevorzustehen schien: es sprach sich für Geburtenkontrolle, Abtreibung, Scheidung, sexuelle Freiheit zwischen mündigen Erwachsenen und Sterbehilfe aus. Es war bestrebt, die Rechte von Minderheiten, Frauen, alten Menschen, missbrauchten Kindern und Benachteiligten zu schützen. Es trat für Toleranz gegenüber alternativen Lebensstilen und die friedliche Ausräumung von Streitigkeiten ein, und es missbilligte das Gegeneinander von Rassen, Religionen und Klassen. Es forderte das Ende von Terror und Hass.

Dieses Manifest entstand noch unter dem Einfluss des 2. Vatikanischen Konzils, dass um eine Liberalisierung der römisch-katholischen Kirche bemüht gewesen war. Das Humanistische Manifest II ließ sowohl für einen naturalistisch geprägten als auch für einen liberal-religiösen Humanismus Raum.

Wer unter vielen anderen Publikationen R.Dawkins „Der Gotteswahn“ gelesen hat, weiss mehr als deutlich: Die liberale Phase gegenüber den Religionen ist definitiv vorbei. Eine klare Kampfansage gegen jegliches religiöses Gedankengut ist hier formuliert. Ich erinnere an dieser Stelle an seine Charakterisierung des christlichen Gottes, die sehr deutlich macht, dass es gar kein Interesse an einem Dialog gibt:

„Gott… ist eifersüchtig, und auch noch stolz darauf; ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Überwachungsfanatiker; ein rachsüchtiger, blutrünstiger, ethnischer Säuberer; ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, Kinder- und Völker mordender, ekliger, grössenwahnsinniger, sadomsochistischer, launisch-boshafter Tyrann.“ (S.45)

Richard Dawkins‘ Einschränkung seiner unbeherrschten Kritik auf „den Gott des Alten Testaments“ ist überflüssig und sinnlos: Es gibt nur einen christlichen Gott. Der Evolutionsbiologe Dawkins ist – unter vielen anderen Persönlichkeiten wie dem Begründer der International Academy of Humanism, Amherst NY, Paul Kurtz – Unterzeichner des nachfolgend zu besprechenden III. Humanismus Manifest.


Humanistisches Manifest III

„Naturalismus

Das einzigartige Anliegen des Humanismus in unserer Welt ist die Bindung an den wissenschaftlichen Naturalismus. Die meisten der heute üblichen Sichtweisen von der Welt sind spirituell, mystisch oder theologisch geprägt. Sie haben ihren Ursprung in den alten vorurbanen,nomadisierenden Agrargesellschaften der Vergangenheit und nicht in der im Entstehen begriffenen modernen industriellen bzw. postindustriellen globalen Informationskultur. Der wissenschaftliche Naturalismus ermöglicht den Menschen die Schaffung eines von Metaphysik oder Theologie unberührten und auf den Wissenschaften gründenden kohärenten Weltbilds.“

Bemerkenswert ist hier, wie bedingungslos der Anspruch auf ein vom naturalistisch denkenden Menschen allein erklärtes Weltbild postuliert wird. In direkter Kampfansage an jene Menschen der Gesellschaft, die genau die bestrittenen Erkenntnisse der Metaphysik und Theologie als unverzichtbar für ihr Welt- und Menschenbild erachten.

„Beim methodologischen Naturalismus müssen alle Hypothesen und Theorien experimentell durch Bezugnahme auf natürliche Ursachen und Ereignisse geprüft werden. Das Vorbringen okkulter Ursachen oder transzendentaler Erklärungen ist nicht zulässig.“

Von einer Auseinandersetzung mit geistigen und als übernatürlich beschriebenen Phänomenen kann nun endgültig keine Rede mehr sein. Transzendentale Erklärungen sind im Gespräch mit naturalistischen Atheisten per definitionem unzulässig, da haben christlich orientierte Menschen Pech gehabt, der wissenschaftliche Diskurs ist a priori ausser Kraft gesetzt.

„Die Humanisten verfechten die Meinung, dass wir die Methoden der Wissenschaft auf andere Gebiete menschlicher Bemühungen ausdehnen müssen und dass es aus diesem Grund keine Beschränkungen für die wissenschaftliche Forschung geben darf … Die möglichen positiven Ergebnisse aus fortgesetzten wissenschaftlichen Entdeckungen dürfen nicht unterschätzt werden… Die Humanisten haben seit langem erkannt, dass einige technologische Innovationen Probleme verursachen können. Leider werden technische Anwendungen meistens von wirtschaftlichen Erwägungen – davon, ob Produkte gewinnbringend sind – oder von ihrem militärischen und politischen Nutzen abhängig gemacht.“

Eine realistische Einschätzung, die gleichzeitig das Problem der unbegrenzten wissenschaftlichen Forschung aufzeigt, nicht per se, jedenfalls aber ganz besonders im Namen einer materialistischen Weltanschauung. Die Craig Venters dieser Welt verdeutlichen nicht nur im materiellen Sinn die wahnwitzigen Dimensionen unbegrenzter Forschung, sondern im besonderen die Zielsetzungen einer deklariert naturalistischen Wissenschaft: In der Forschungsarbeit des Biologen steht nicht die Erhaltung des Lebens an oberster Stelle, sondern – doctus hominem creator est – die Schaffung künstlichen Lebens.

„Der wissenschaftliche Naturalismus ist eine kosmische Weltanschauung, die auf geprüften Hypothesen und Theorien basiert. Zur Beschreibung der Wirklichkeit bedient er sich nicht vornehmlich der Religion, der Poesie, der Literatur oder der Künste, obwohl diese wichtiger Ausdruck menschlichen Strebens sind. Die wissenschaftlichen Naturalisten sind Anhänger einer Form des nicht reduktiven Materialismus. Natürliche Prozesse und Ereignisse werden am besten unter Bezugnahme auf materielle Ursachen dargestellt… Obwohl die Natur eigentlich auf physikalisch-chemischen Grundlagen beruht, manifestieren sich Abläufe und Gegenständliches auf vielen Beobachtungsebenen: Atombausteine, Atome und Moleküle; Gene und Zellen; Organismen, Blumen, Pflanzen und Tiere; psychologisches Wahrnehmungs- und Erkennungsvermögen; gesellschaftliche und kulturelle Institutionen; Planeten, Sterne und Galaxien. Auf diese Weise werden kontextuelle Erklärungen aus Bereichen der Naturkunde, der Biologie sowie der Gesellschaftswissenschaften und der Verhaltensforschung berücksichtigt.“

„Die Natur beruht eigentlich auf physikalisch-chemischen Grundlagen.“ Wir befinden im Zentrum des naturalistisch-humanistischen Weltbildes, das auf den Thesen des nicht reduktiven Materialismus aufbaut: Mentale Phänomene sind aus physikalischen hervorgegangen, besitzen aber eine eigenständige Realität und können möglicherweise auf die niedrigere Systemebene zurückwirken. Es sind dabei nicht alle mentalen Phänomene auf physikalische Ereignisse logisch rückführbar (reduzierbar), aber wir sind sehr weit von einer dualistischen Gehirn-Geist-Konzeption entfernt. Gehirnforschger und Philosophen in der Tradition von John C. Eccles und Karl Popper sehen im Gegensatz zum Materialismus zwei eigenständige Wirklichkeitsbereiche (biologisch-neuronale Ebene einerseits, mentale Phänomene andererseits) die interagieren (Dualismus). Die Geistebene erhält dabei einen Stellenwert, der einen ganz anderen Respekt gegenüber geistigen und religiösen Phänomenen ermöglicht.

„Gleichzeitig wird aber auch den verschiedenen moralischen, ästhetischen und anderen kulturellen Ausdrucksformen menschlicher Erfahrung Rechnung getragen.“

Was soll diese Alibiklausel anderen Ausdrucksformen menschlicher Erfahrung Rechnung tragen“ bedeuten? Verständlicherweise wollen naturalistische Humanisten nicht auf Ästhetik, Kultur und Moral verzichten. Somit wird zunächst der Kritik vorgebeugt, man wolle Mensch und Gesellschaft ganz auf physikalisch-chemische Prozesse reduzieren. Worauf der ganz grosse Teil grosser kultureller und ästhetischer Leistungen der letzten Jahrtausende gründet (denken wir an Werke, die nicht in erster Linie als Zeichen weltlicher Macht entstanden sind u.a. Kathedralen, Moscheen, Synagogen, Tempel, Klöster), wird nicht genannt; dabei müsste man den Geisteswissenschaften und den Religionen zuviel Platz einräumen. Ganz folgerichtig wird die Basis des Weltbildes noch schärfer abgegrenzt:

„Die Naturalisten sind der Ansicht, dass es für spirituelle Auslegungen der Wirklichkeit und das Postulat okkulter Ursachen zu wenig wissenschaftliche Beweise gibt. Klassische transzendentalistische Lehren waren zweifellos von der leidenschaftlichen existentiellen Sehnsucht der Menschen nach der Überwindung des Todes geprägt. Die wissenschaftliche Evolutionstheorie liefert allerdings eine nüchternere Beschreibung von den menschlichen Ursprüngen und basiert auf Beweisen aus einer Vielzahl wissenschaftlicher Bereiche. Wir kritisieren die häufig von den Massenmedien verkündeten Bemühungen einiger Wissenschaftler, Naturerscheinungen übernatürlich zu interpretieren. Weder die klassische moderne Kosmologie noch der evolutionäre Prozess liefert genügend Beweise für das Vorhandensein eines intelligenten Plans. Das hieße also, den Glauben über empirisch gewonnene Beweise zu stellen. Wir glauben, dass es für die Menschheit an der Zeit ist, ihr eigenes Erwachsensein anzunehmen, d.h. Wunderglauben und Mythosbildung hinter sich zu lassen, die als Ersatz für nachprüfbares Wissen über die Natur dienen.“

Die Übersetzung lautet ganz schlicht: Wir wollen es uns nicht ganz verderben mit euch, aber berücksichtigen können wir Transzendentalisten und Ihre Anliegen aus der Defintion des Naturalismus heraus nicht.

Welche Natur also meinen die naturalistischen Humanisten? Ist denn nur eine Natur, die naturalistisch-wissenschaftlicher Überprüfung standhält, Natur? Wie lässt sich rational gültig ausschliessen, dass es mehr gibt, als unsere naturalistisch erfahrbare Welt?

Nach dem bisher Gehörten lässt die Weltsicht der naturalistischen Humanisten das Bild einer Gesellschaft entstehen, die sich selbst in einen Käfig sperrt. In diesem geschlossenen Raum bewegen sich ehrgeizige Elitenaturalisten mit grosser Hektik und deklamieren mit lauter Stimme und ohne Unterbruch: Was ausserhalb unseres Käfigs ist, kann es per definitionem nicht geben!

Im Gedenkjahr des Apostel Paulus erinnere ich an mahnende Worte des Heiligen: Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Bleibt daher fest und lasst euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auflegen! (Gal 5,1). Atheisten wie R.Dawkins wollen religiöse Menschen aus einer vermeintlichen Unmündigkeit befreien. Das Paulus-Zitat bringt es auf den Punkt: Aus der Freiheit können Gläubige nach ihrer Überzeugung nicht befreit werden. Für den gläubigen Menschen ist evident, dass es keine empirisch gewonnenen Beweise gegen seinen Glauben, gegen die Heilige Schrift oder gegen Wunder gibt. Vielmehr sehen Christen eine erfüllende Freiheit darin, sich nicht nur jederzeit für oder wider die Schöpfung entscheiden zu können, sondern in der Nachfolge des Jesus von Nazareth die Werte Glaube, Hoffnung und Liebe entdecken und leben zu können.

„Wir glauben, dass die Thematik der technologischen Anwendungen am besten durch sachkundige Diskussionen und nicht durch die Berufung auf absolutistische Dogmen oder emotionsgeladene Schlagwortkampagnen behandelt wird. Jede technologische Innovation muss hinsichtlich ihres potentiellen Risikos und ihres potentiellen Nutzens für die Gesellschaft und die Umwelt beurteilt werden. Das setzt ein gewisses Maß an wissenschaftlichen Kenntnissen voraus.“

Wieder kommen wir der schönen, neuen Wahrheit ein Stück näher: Ein gewisses Mass an wissenschaftlichen Kenntnissen wird vorausgesetzt, das ist zunächst verständlich und eine einfache Bedingung wissenschaftlicher Diskussion. Impliziert wird dabei: Für unsere Weltanschauung brauchen wir bei allen weitreichenden Fragen Experten. Diese neue atheistisch-wissenschaftlich gebildete Elite wird über Leben und Tod entscheiden. Craig Venter, Biologe, ist so ein atheistisch-humanistischer Vertreter der zeitgenössischen Frankensteins; seiner publizierten Überzeugung nach ist er nur einen klitzekleinen Schritt von der künstlichen Schöpfung des Lebens entfernt…

„Ethik und Vernunft

Für die humanistische Weltanschauung ist die Realisierung der höchsten ethischen Werte von wesentlicher Bedeutung. Wir glauben, dass die immer umfangreicher werdenden wissenschaftlichen Kenntnisse es den Menschen ermöglichen, klügere Entscheidungen zu treffen. Auf diese Weise gibt es keine undurchdringliche Mauer zwischen Tatsache und Wert, zwischen sein und sollen. Durch den Gebrauch von Vernunft und Verstand sind wir besser in der Lage, unsere Werte im Licht wissenschaftlicher Beweise und aufgrund ihrer Konsequenzen zu beurteilen.“

Immer klügere Entscheidungen allein aus der menschlichen Vernunft zu schöpfen, das ist doch befreiend: Kein „eifersüchtiger Gott“ wird sich einmischen.

„Theologische Moraldoktrinen beruhen häufig auf überkommenen, vorwissenschaftlichen Vorstellungen von der Natur und dem Menschen. Aus diesem Vermächtnis lassen sich einander widersprechende Gebote für sittliches Verhalten ableiten, und verschiedene Religionen haben in Bezug auf moralische Fragen oft stark voneinander abweichende Ansichten.“

Mit Vehemenz suggeriert man an dieser Stelle: Atheisten sind davor gefeit, einander widersprechende atheistisch-ethische Postulate aufzustellen! Worauf warten wir noch: Wir konvertieren zum naturalistischen Humanismus! Welche möglicherweise unverrückbaren (in der Einleitung des Manifests hiess es noch: vorläufige) ethischen Inhalte hat dieser Humanismus nun genau?

„Die humanistische Ethik… setzt ethische Entscheidungen letztlich in Beziehung zu gemeinsamen menschlichen Interessen, Wünschen, Bedürfnissen und Werten. Wir beurteilen sie hinsichtlich ihrer Konsequenzen für menschliches Glück und soziale Gerechtigkeit.“

Glück und Gerechtigkeit sind unbestreitbar erstrebenswert. Fehlt da nicht etwas? Die christliche Ethik sieht an Stelle des Glücksbegriffs die zentralen Theme der Liebe, der Hoffnung und der Gnade. Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe. (1.Kor, 13)

Die Liebe hat es den Humanisten nicht angetan. Dabei könnte gerade die absolut freie Liebe zur humanistischen Grundtugend werden. Ehe hat keine Bedeutung mehr; Geschlechterrollen sind unbeschränkt auslebbar; Kinder brauchen keine leiblichen Eltern als Erzieher; da ist die Liebe völlig frei und strömt ohne hinderliche Bindungen durch die Gesellschaft in einem alle umspülenden Meer der Freiheit und des Glücks. Nur die verantwortliche Nächstenliebe hätte dann ein kleines Problem, beispielsweise im Anrecht gezeugter Kinder auf liebevolle und intakte Familien.

„Würde und Selbstbestimmung des Einzelnen sind der höchste Wert. Die humanistische Ethik hat sich einer größeren Willensfreiheit verschrieben. Diese Willensfreiheit umfasst Meinungs- und Gewissensfreiheit, Freiheit des Denkens und Forschens sowie das Recht auf eine individuell gestaltete Lebensführung, so lange diese anderen nicht schadet. Das ist insbesondere in demokratischen Gesellschaftsordnungen von Bedeutung, in denen es eine Vielzahl alternativer Wertesysteme geben kann.“

„Gesellschaftsordnungen, in denen es eine Vielzahl alternativer Wertesysteme geben kann.“ In unserer ‚Kritik des naturalistischen Humanismus‘ konstatieren wir: Einerseits ist die Forderung nach Pluralität zu erwarten (weg von „engen religiösen Doktrinen“ zu liberalen Weltanschauungen), andererseits ist mit den intendierten pluralistischen Wertesystemen ein vielschichtiges Ethik-Chaos zu befürchten.

Letztlich ergibt sich ein kleines Stück weitergedacht, dass nur wenige alternative Wertsysteme (die christliche Ethik ist sicher nicht dabei) nach den Kriterien des naturalistischen Humanismus auch tatsächlich respektiert werden. Diese neuerliche Alibiklausel meint im Klartext: Eine Reihe alternativer Wertesysteme, und zwar naturalistisch-humanistischer Prägung. Das scheinbar offene System errichtet dabei recht enge weltanschauliche Grenzzäune.

„Die Ecksteine für moralisches Verhalten sind die „überkommenen Gefühle für Sitte und Anstand“, d.h. die allgemeinen moralischen Tugenden, die von vielen Menschen mit verschiedenem kulturellen und religiösen Hintergrund geteilt werden: Wir müssen die Wahrheit sagen, Versprechen halten, ehrlich, aufrichtig, wohltätig, glaubwürdig und zuverlässig sein, Treue, Wertschätzung und Dankbarkeit zeigen, gerecht und tolerant sein, unsere Unterschiede vernünftig überwinden und versuchen, kooperativ zu sein. Wir dürfen nicht stehlen oder andere Menschen verletzen, verstümmeln oder ihnen schaden. Selbst wenn die Humanisten die Abkehr von repressiven puritanischen Verhaltenscodizes gefordert haben, so haben sie doch auch die moralische Verantwortung verfochten.“

Naturalisten setzen auf „überkommene Gefühle für Sitte und Anstand„, einschliesslich Verschleierung ihres überwiegend religiösen Ursprungs. Menschen mit religiösem Hintergrund „teilen“ bestenfalls diese Tugenden, aber diese Werte kommen nach dem vorliegenden Humanismus nicht von Gott, per definitionem. Zur Erinnerung: Vor einigen tausend Jahren wurde den Menschen ein Gesetz mit 10 Geboten geschenkt, in der Diktion der Humanisten voller „repressiver und puritanischer Verhaltenscodizes“:

Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Du sollst den Namen des Herrn, Deines Gottes, nicht missbrauchen. Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig; der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht, an ihm darfst du keine Arbeit tun. Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt. Du sollst nicht töten. Du sollst nicht die Ehe brechen. Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Hab und Gut. Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst.

Ist der freie Sonntag ein grosses gesamtgesellschaftliches Problem in der säkularen Welt? Ist das Ehren von Vater und Mutter ein „Sakrileg“ im säkularen Staat? Was bleibt übrig von den Vorwürfen „repressiv“ und „puritanisch“, wenn man berücksichtigt, dass christliche Ehen annulliert werden können?

Es gibt ganz offensichtlich Vorbehalte gegenüber den Geboten. Besonders augenfällig bei den oben zitierten ethischen Grundsätzen der Humanisten ist dabei jegliches Fehlen familienorientierter Normen: Keine Rede von Eltern, von Ehe und Ehebruch. Im Kern geht es um den Kampf gegen die Institution der christlichen Ehe. Gleichzeitig wird die Homo-Ehe vor dem Standesamt mit aller Macht wo immer möglich durchgesetzt. Das nenne ich eine falsche Moral: Christliche Ehe baldmöglichst weg, aber Homo-Ehe raschest her. Es ist auch eine eigenartige Moral, Partnerschaften gleichzustellen, die naturgegeben nicht gleich sein können: Eine Hetero-Ehe ist auf Kinder ausgerichtet, eine Homo-Ehe ist es nicht, kann es höchstens auf unnatürlichen Umwegen. Was ist das für eine Gleichstellung?

„So wird die Debatte über die Sterbehilfe insbesondere in den Wohlstandsgesellschaften verstärkt geführt, denn die Medizintechnik ermöglicht es uns heute, todkranke Patienten, die früher wahrscheinlich gestorben wären, am Leben zu erhalten. Die Humanisten sind für einen Tod in Würde und das Recht mündiger Erwachsener eingetreten, medizinische Behandlung zu verweigern, um unnötiges Leiden zu verkürzen und sogar den Tod schneller herbeizuführen.“

Für diese Debatte ist das vorliegende Humanismus-Manifest schlicht entbehrlich. Stellvertretend für viele engagierte Vertreter des Christentums soll die evangelische Landesbischöfin Margot Käßmann zu Wort kommen:

„Vom Osterglauben her können wir den Mut haben, uns ganz offen mit dem Tod auseinanderzusetzen. Wir leben in einer Zeit, die geradezu panische Angst vor dem Tod hat. Bloß weg mit dem Tod aus meinem Gesicht… Jeder möchte schnell und zügig sterben.

Vor kurzem habe ich mit Dr. Admiraal, einem holländischen Arzt diskutiert, der schon über hundert Menschen aktiv Sterbehilfe geleistet hat…. Am Ende des Interviews wurden wir beide gefragt, wie wir sterben möchten. Herr Admiraal antwortete: ‚Ich möchte bei vollem Bewusstsein sterben. Damit ich mich verabschieden kann. Dann kommt gar nichts mehr. Es gibt keine Existenz nach dem Tod. Das ist das Ende. Das Leben ist zwecklos und sinnlos.‘

Ich glaube, dass Lebensmut und Todesmut im positiven Sinn zusammengehören. Wenn ich glauben kann, dass Gott meine Leben hält und trägt über den Tod hinaus, dann muss ich dem Tod nicht ausweichen. Dass Menschen dabei durchaus Angst vor dem Sterben haben, das ist ganz verständlich: Wir kennen das Sterben nicht, und alles Unbekannte macht zunächst Angst. Aber das soviele Menschen aktive Sterbehilfe befürworten, drängt uns viererlei zu tun:

Die Palliativmedizin stärken… , die Hospizbewegung fördern…, deutlich machen, dass in den Niederlanden ein Viertel aller Euthanasieopfer ohne ihre persönliche Einwilligung getötet werden… , die christlichen Patientenverfügungen, Patientenverfügungen überhaupt, sind anzuerkennen. In der Verfügung, die wir als Kirchen herausgegeben haben, heisst es:

‚An mir sollen keine lebensverlängernden Massnahmen vorgenommen werden, wenn medizinisch festgestellt ist, dass ich mich im unmittelbaren Sterbeprozess befinde oder es zu einem nicht behebbaren Ausfall lebenswichtiger Funktionen meines Körpers kommt. Ärztliche Begleitung sowie sorgsame Pflege sollen in diesen Fällen auf die Linderung von Schmerzen, Unruhe und Angst gerichtet sein, selbst wenn durch die notwendige Schmerzbehandlung eine Lebensverkürzung nicht auszuschliessen ist. Ich möchte in Würde und in Frieden sterben können.‘ „

Weniger entbehrlich in der Debatte ist das Entlarven atheistisch motivierter Praktiken, Menschen den begleiteten Suizid schmackhaft zu machen, wie wir am Beispiel der Schweizer Organisation DIGNITAS (in Deutschland: DIGNITATE) sehen.

Schamlose Heuchelei
Bemerkenswert ist die Heuchelei der Betreiber der Sterbegesellschaft.
Sie beziehen sich auf ihrer Website http://www.dignitas.ch ausdrücklich auf Thomas Morus, einen Heiligen der katholischen Kirche, der hingerichtet wurde, weil er einen Eid zur Bestätigung der Legitimität der Kinder von Heinrich VIII. nicht abzulegen bereit war. Dignitas präsentiert den Märtyrer als Befürworter des begleiteten Suizid. Wie ist das möglich?

Thomas Morus, 1535 in London hingerichtet, 1935 heiliggesprochen, wird mit Worten aus seiner bitteren Gesellschaftssatire „Utopia“ zitiert, als ob es sich hier um sein ureigenstes Anliegen handeln würde! Das ist eine ganz perfide und plumpe Verdrehung, um Menschen auf die Nase zu binden, dass auch ein Heiliggesprochener die Sterbehilfe vertreten hat. Wikipedia stellt fest: „Forschungsarbeiten zu Folge soll es sich bei Morus‘ berühmten Werk um eine satirische Darstellung handeln, deren Ziel die Herabwürdigung des platonischen Gerechtigkeitsbegriffs war. In satirischer Weise will er seiner eigenen Zeit den Spiegel vorhalten.“

Der erfolgreiche Topjurist, der DIGNITAS als Vorstandsvorsitzender führt, lic.iur. Ludwig A. Minelli, Rechtsanwalt, hat es überhaupt nicht nötig, diese Blasphemie auf seine Seite zu stellen. Der Mann ist hochintelligent. Er ist sehr erfolgreich. Er tut es ohne Not. Nach meiner Erfahrung ist dieser Stil typisch für atheistisch motiviertes Argumentieren. In diesem Zusammenhang könnte man Praktiken der schweizerischen EXIT-Gesellschaft anführen, oder den Begründer der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS), Hans Henning Atrott, zitieren; dies würde allerdings den Rahmen dieser Kritik sprengen.

Juristische Grenzgänge
DIGNITAS hat ihr Sterbehilfeprogramm unter Berufung auf die Europäischen Menschenrechte in der Schweiz gesetzlich abgesichert. In den Niederlanden und Belgien gibt es ebenfalls gesetzliche Regelungen zur Sterbehilfe. Wir dürfen davon ausgehen, dass in allen genannten Ländern praktizierende Christen in der Minderheit sind und diese Regelungen so wie die Abtreibungsparagraphen als staatlich abgesicherte und legale Handlungen vorgesetzt bekommen.

Legitimation grenzenloser Selbstbestimmung um jeden Preis: Auf diesem Werte-Niveau ist ein grosser Teil der Gesellschaft leider angekommen. Sie nehmen einfach in Kauf, ihren Kindern erklären zu müssen, warum sie in einer Gesellschaft leben, die den Sinn des Lebens auf den Fortschritt der Vernunft reduziert und den Wert des Lebens so bemisst, dass ein individuell beschlossener Schluck aus dem Giftbecher ein Geschenk (unser Leben, das meiner tiefsten Überzeugung nach nicht allein mit der Vernunft erklärbar ist) vernichtet und diese Selbstauslöschung auch noch gesetzlich legitimiert.

So wie Christen jeden Tag in Demut vor dem Schöpfer, seinem Sohn und dem Heiligen Geist beginnen und beschliessen, kann sich jeder Nichtgläubige – gemäss naturalistisch-humanistischem Vorbild – jeden Tag in voller Grösse vor den Spiegel stellen und seine Wahrheit aussprechen: Der Mensch allein entscheidet über Leben und Tod.

„Ebenso sollten wir uns darauf vorbereiten, die durch die wissenschaftliche Forschung ermöglichten neuen Reproduktionsverfahren – wie z.B. künstliche Befruchtung, Leihmutterschaft, Gentechnik, Organtransplantation und Klonen – vernünftig auszuwählen. In diesem Fall können wir auf der Suche nach einer Orientierungshilfe nicht auf die moralischen Imperative der Vergangenheit zurückgreifen. Wir müssen die eigenverantwortliche Entscheidung respektieren.“

Es wird immer klarer: In der neuen aufgeklärten Gesellschaft heisst es weg mit religiösen Ballast, unser Credo ist ein anderes. Der Mensch ist das Mass aller Dinge, er wird wird zur gottähnlichen weil letztentscheidenden Institution, und es gibt keine causa, die der Antwort der forschenden Menschen verschlossen ist.

„Die Humanisten argumentieren für den Respekt einer Ethik der Grundsätze, d.h., dass der Zweck nicht die Mittel heiligt. Im Gegenteil, unsere Zwecke werden durch unsere Mittel geformt, und es gibt Grenzen für das Erlaubte. Das gilt vor allem in der heutigen Zeit, im Hinblick auf die tyrannischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts, in denen mit nahezu religiösem Eifer aufrechterhaltene Ideologien moralische Mittel kompromittierten, um visionäre Ziele zu erreichen. Wir sind uns des schrecklichen Leidens voll bewusst, das Millionen von Menschen durch diejenigen erdulden müssen, die bei der Verfolgung eines angeblich großen Guten bereit sind, viel Böses in Kauf zu nehmen.“

Die Verfasser sind wahre Eiferer ihres Glaubens. So leicht kann man – im Rahmen des „Humanistischen Manifests“ – Hitler und Stalin in einen Topf werfen. Es genügt offensichtlich nicht, von fanatischer Begeisterung und Verblendung zu sprechen, es muss „nahezu religiöser Eifer“ heissen, „nahezu“, also nicht ganz, Hauptsache „religiös“ wird wiederholt in negativem Zusammenhang zitiert. Keine Rede davon, dass ein Regime sich in schrankenloser Perversion christlicher Symbolik bedient hat, neben den 6 Millionen Juden viele Gläubige und Priester ermordet hat. In diesem sonst so wortreichen Manifest wird keine Unterscheidung zur grausamen Diktatur Stalins getroffen, die ohne transzendente Symbolik Millionen Menschen, darunter viele Gläubige und Priester, getötet hat. – Ein Jahr, bevor das Manifest veröffentlicht wird, spricht die (nicht ideologisch gefärbte) Geschichtswissenschaft bei Stalin von manischem, areligiösen Eifer; in den russischen Lagern starben nach G.Heinsohn [publiz. 1998] 39 Millionen Menschen.

„Allgemeine Verpflichtungen gegenüber der gesamten Menschheit

Jeder Mensch muss in einem Familienverband oder einem seinem Einkommen entsprechenden Haushalt seiner Wahl leben dürfen und hat das Recht, sich fortzupflanzen oder nicht. Jeder Mensch darf seinen Lebenspartner, falls er diesen wünscht, frei wählen sowie seine Familienplanung individuell gestalten. Jeder hat das Recht, seine biologischen bzw. adoptierten Kinder großzuziehen bzw. eine Familie zu haben oder nicht.

Die Gesellschaft darf Homosexuellen, Bisexuellen, Geschlechtsumgewandelten oder Transsexuellen die Gleichberechtigung nicht absprechen.

Frauen müssen das Recht haben, über ihren Körper selbst zu bestimmen, d.h., sie können sich für oder gegen Fortpflanzung, Empfängnisverhütung und Abtreibung entscheiden. Paare müssen hinreichend über Familienplanung informiert werden sowie über die Möglichkeit, von der künstlichen Befruchtung und biogenetischer Beratung Gebrauch zu machen.

Erwachsene Menschen müssen ihren Wunschpartner heiraten können… Gleichge- schlechtliche Paare müssen dieselben Rechte wie heterosexuelle Paare genießen.“

In Spanien beispielsweise wird es sehr spannend sein, diese gesellschaftlichen Veränderungen zu beobachten und auf ihre Nachhaltigkeit zu prüfen. Nach meiner Einschätzung ist diese radikale gesellschaftliche Umwälzung eine späte Reaktion auf die Diktatur und das Verhalten auch der katholischen Kirche während der Diktatur. Zu erwarten ist, dass das Pendel in ein bis zwei Generationen wieder anders ausschlagen wird. Jetzt herrscht eine gewisse Genugtuung über die Wende vor, und sie schlägt sich in einem dramatischen Rückgang der Geburten nieder. Eine Geburtenrate von knapp über 1 bedeutet derzeit einen der geburtenschwächsten Plätze Europas. Es gibt nachweislich einen Zusammenhang zwischen Religiosität und Demographie:

„Die Säkularisierungsprozesse werden also derzeit nicht generell gestoppt, sind jedoch in eine demographische Sackgasse geraten. Weltweit und auch in Deutschland bringen die noch traditionell oder wieder „entschieden“ religiös geprägten Gemeinschaften relativ mehr Kinder hervor als die schließlich real schrumpfenden säkular geprägten Bevölkerungsschichten. Ein dadurch wieder wachsender Anteil der jungen Generation entstammt religiös praktizierenden Elternhäusern, Jugend- und damit auch Protestkulturen nehmen wieder religiösere Färbungen an, beeinflussen Kultur, Wirtschaft und auch Politik und verunsichern damit auch die gängigen, meist säkularen Fortschrittserzählungen.“ [Dr.M.Blume, Tübingen, 2006]

„Eltern dürfen ihren Kindern den Zugang zu Bildung, kultureller Bereicherung und geistigen Anregungen nicht verwehren. Obwohl von den Eltern vermittelte sittliche Grundsätze von großer Bedeutung sind, dürfen Eltern nicht einfach ihre eigenen religiösen Anschauungen oder sittlichen Werte auf ihre Kinder übertragen und versuchen, sie zu indoktrinieren. Kinder, Heranwachsende und junge Erwachsene müssen mit verschiedenen Standpunkten in Kontakt kommen und ermutigt werden, selbständig zu denken. Die Ansichten, auch von kleinen Kindern, müssen respektiert werden.“

Immer wieder spricht Konfrontation aus den Worten dieses Humanismus: “Obwohl von den Eltern vermittelte sittliche Grundsätze von großer Bedeutung sind, dürfen Eltern nicht einfach ihre eigenen religiösen Anschauungen oder sittlichen Werte auf ihre Kinder übertragen.” Diese Vorschrift ist aus christlicher Sicht schamlos, familienfeindlich, diskriminierend gegenüber liebevoller und altersgemässer religiöser Vorbildgebung, offenbar aus einer diffusen Verachtung von Tradition und Transzendenz heraus formuliert. Was für tiefe, auch persönliche Verunsicherungen muss es auf Seiten der Autoren geben, um diese Sprache in ein Manifest des Humanismus einzubringen?

Die Ethikunterrichtung im Rahmen des Religionsunterrichts (an manchen Orten auch umgekehrt oder überhaupt nur Ethikunterricht) ist im Vormarsch, es gibt auch grundsätzlich nichts gegen einen Ethikunterricht einzuwenden. Dass sich christlich inspirierte Gruppen dann für ein Freifach „Religionen“ einsetzen werden, oder Alternativen ausserschulisch organisieren, ist zu erwarten. Der durch diesen Humanismus eingebrachte Begriff „Indoktrinierung“ ist jedenfalls mit aller Deutlichkeit zurückzuweisen. Oder sollen christlich orientierte Gruppen beginnen, die naturalistisch-atheistische Erziehung säkularer Elternteile als Indoktrinierung zu diffamieren?

Diskriminierungen wirken dagegen kontraproduktiv, vertiefen sie doch den gesellschaftlich-kulturellen Spalt, schränken die biographischen (v.a. beruflichen) Optionen der zur Entscheidung gezwungenen Betroffenen weiter ein und tragen damit zu einer Ausweitung der demographischen Differenz bei. – Stimmen unsere Beobachtungen und Thesen jedoch, dürfte sich die Welt eher am Anfang als am Höhepunkt der zunehmend sichtbar werdenden religiös-demographischen Belebung befinden. Auch deswegen wollen wir mit diesem Artikel zu weiteren religions- und politikwissenschaftlichen, demographischen und interdisziplinären Diskussionen und Arbeiten anregen.“ [Dr.M.Blume, Tübingen, 2006]


„Schlusswort

Die globale Gemeinschaft gehört uns, und jeder von uns kann dazu beitragen, dass sie gedeiht. Die Zukunft steht uns offen. Wir müssen entscheiden. Zusammen können wir die edelsten Ziele und Ideale der Menschheit verwirklichen.“

Nachdem ich „die edelsten Ziele und Ideale der Menschheit“ kennen- und einschätzen gelernt habe, kann ich meinen Weg überzeugt fortsetzen, im Vertrauen bis zum Ende der Zeiten: Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen alle Völker. (Jesaja 2,2)

Anhang:

„Die ersten Unterzeichner des Humanist Manifesto III – A Call for a New Planetary Humanism kommen aus 28 Ländern. Neun sind Nobelpreisträger. Erstunterzeichner sind Paul Kurtz, Richard Dawkins, Edward O. Wilson, Sir Arthur C. Clarke, Steve Allen, Richard Leakey, Paul D. Boyer,Sir Harold W. Kroto, Taslima Nasrin, Ferid Murad, Baruj Benaceraff, Jean-Marie Lehn, José Saramago, Alan Cranston, Dobrica Cosic, Etienne Baulieu, Jens C. Skou,Jill Tarter, Mario Molina, Herbert A. Hauptman sowie weitere 103 Personen. Diese Liste und das Manifest sind dokumentiert in free inquiry, Ausgabe Herbst 1999. Copyright 1999 © by the International Academy of Humanism, PO Box 664, Amherst NY 14226-0664, U.S.A.“

Humanistisches Manifest III (deutsch, pdf)

Eine Kritik des Humanistischen Manifest III

Die rechtspolitischen Grundvorstellungen… der säkularen Verbände (pdf)

Humanismus-Theorien in Deutschland – eine Auswahlbibliographie (pdf)

Humanist Manifesto II (englisch)

Humanist Manifesto I (englisch)

Bild: kroski.meint
Copyright by kroski.meint. Genehmigung zur Vervielfältigung ist ausdrücklich beim Blogbetreiber (https://stefan888.wordpress.com) einzuholen.

Über .kroski

Was bewegt mich? ".kroski" widmet sich der Auseinandersetzung Christentum kontra Humanismus. Diese ist mittlerweile zum bedeutsamsten Kulturkampf in unserer Gesellschaft geworden: Atheisten, Humanisten und Naturalisten treten immer schärfer gegen jede Form von Religion auf, und die Kirchen wehren sich zunehmend dagegen. Es geht also weniger um unsere christlichen Positionen in der Auseinandersetzung mit Islam und Judentum. Vielmehr ist es die Konfrontation zwischen dem "evolutionären" Humanismus einerseits und den Kirchen andererseits, die unsere Kinder beschäftigen wird. Da möchte ich meinen kleinen Teil dazu beitragen, christliche Werte glaubwürdig zu vertreten. Grüße aus einem spannenden Leben, .kroski

Veröffentlicht am 3. April, 2008 in Agnostizismus, Atheismus, Österreich, Christen, Christentum, Deutschland, Ethik, Europa, Evolution, Familie, Gebete, Geschichte, Gesellschaft, Glaube, Humanismus, Inspiration, Kultur, Leben, Menschen, Naturalismus, Religion, Theismus, Verschiedenes, Wissen und mit , , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 22 Kommentare.

  1. Hm, die ersten beiden Manifeste hast du wahrscheinlich nicht mal gelesen, da du nur aus einer Sekundärquelle zitierst. Dein Kommentar

    [quote]Die unselige Maschinerie der Planwirtschaft wurde im Manifest I vollinhaltlich unterstützt…“

    dürfte den originalen Absatz wohl etwas unzureichend beschreiben:

    [quote]The humanists are firmly convinced that existing acquisitive and profit-motivated society has shown itself to be inadequate and that a radical change in methods, controls, and motives must be instituted. A socialized and cooperative economic order must be established to the end that the equitable distribution of the means of life be possible. The goal of humanism is a free and universal society in which people voluntarily and intelligently cooperate for the common good. Humanists demand a shared life in a shared world.[/quote]

    [quote]Wer unter vielen anderen R.Dawkins „Der Gotteswahn” gelesen hat, weiss mehr als deutlich: Die liberale Phase gegenüber den Religionen ist definitiv vorbei. Eine klare Kampfansage gegen jegliches religiöses Gedankengut ist formuliert.[/quote]

    Inwieweit hier nicht zuletzt eine Reaktion auf einen sich verstärkenden religiösen Fundamentalismus vorliegt, interessiert dich natürlich gar nicht.

    [quote]Einzigartig ist hier vor allem, wie absolutistisch der Anspruch auf ein vom Menschen allein erklärtes Weltbild statuiert wird, wissenschaftlich postuliert – wohlwissend, dass Gott argumentativ und schon gar nicht wissenschaftlich auf die Seite geschafft werden kann.[/quote]

    Gerade WEIL Gott nicht „auf die Seite geschafft“ werden kann, ist dies so, denn
    es geht hier nicht um „Wissenschaft“, sondern explizit um „wissenschaftlichen Naturalismus“ und dort hat Gott tatsächlich keinen Platz, solange er so definiert wird, dass er außerhalb der Kriterien des wissenschaftlichen Naturalismus stehen muss. Man muss den wissenschaftlichen Naturalismus ja nicht als der Weisheit letzter Schluss annehmen, aber das ändert ja an diesen methodischen Gegebenheiten nichts.

    „Ja, das sind deutliche Worte. Für tolerante Haltungen gegenüber religiösen Menschen ist da nichts mehr zu spüren.“

    Hier wird der methodische Naturalismus definiert und die Definition lautet nun mal, dass er keine transzendentalen Ursachen zulassen kann. Mit Toleranz hat das rein gar nichts zu tun (dass diese selbstverständlich gegeben ist, zitierst du sogar einige Absätze später selbst, s.u.). Da könnte ich mich umgekehrt auch darüber beschweren, dass dein Glaube an Gottes Existenz ja gar nicht beinhaltet, dass Gott nicht existieren kann.

    „Eine realistische Einschätzung, die gleichzeitig das Problem der unbegrenzten wissenschaftlichen Forschung aufzeigt, nicht per se, jedenfalls aber ganz besonders in der Hardcore-Variante der gewünschten materialistischen Weltanschauungsgesellschaft.“

    Ach, was würde man nur machen, wenn es die kleinen drei Punkte nicht gäbe, mit deren Hilfe man sich Zitate zurechtbiegen kann.
    Oder gibt es einen anderen Grund, warum du den Satz:

    [quote]dass es aus diesem Grund keine Beschränkungen für die
    wissenschaftliche Forschung geben darf, es sei denn, die Forschung würde die Rechte von Personen verletzen[/quote]

    so zitierst:

    [quote]dass es aus diesem Grund keine Beschränkungen für die
    wissenschaftliche Forschung geben darf…[/quote]

    um dann eine Forderung nach völliger Unbegrenztheit zu suggerieren?

    [quote]Für den gläubigen Menschen ist evident, dass es keinen empirisch gewonnenen Beweis gegen seinen Glauben, gegen die Heilige Schrift oder gegen Wunder gibt. Es geht hier um mehr, als Falschmeldungen über UFOs zu enttarnen. Wir sprechen schliesslich über den letzten Grund unseres menschlichen Daseins.[/quote]

    Beweislastumkehr hilft auch hier wenig. Und was du beschreibst, hat eben mit methodologischem Naturalismus nichts zu tun.

    [quote]Mit Vehemenz sagt man hier: Atheisten sind davor gefeit, einander zu widersprechen! Somit sind einander widersprechende ethische Postulate ausgeschlossen! Worauf warten wir noch: Wir konvertieren zum naturalistischen Humanismus![/quote]

    Das wird natürlich nirgendwo gesagt, im Gegenteil:

    [quote]Gibt es Unterschiede, müssen
    wir diese, wo immer wir können, durch einen rationalen Dialog überwinden[/quote]

    [quote]„Gesellschaftsordnungen, in denen es eine Vielzahl alternativer Wertesysteme geben kann.” In unserer Kritik zur Reinen Ethik der Gesellschaft merken wir an: Das vorprogrammierte Ethik-Chaos ist Teil des Manifests.[/quote]

    Das entsprechende Zitat widerlegt allein schon deine Behauptung, dass es keine Toleranz für Religion mehr geben würde. Glaubensfreiheit ist ein prinzipielles Gut, dass selbstverständlich auch Humanisten verteidigen, was nicht bedeutet, dass sie keine Kritik üben.

    [quote]Sterbehilfe[/quote]

    Ich bin schon ein wenig erstaunt, dass die Verwendung das Thomas Morus-Zitates offenbar tatsächlich dein Hauptargument für die Schlechtigkeit aller Befürworter von Sterbehilfe ist. Aber seis drum.

    [quote]Wie gesagt: Weg mit religiösem Gebote-Ballast. Der Mensch ist das Mass aller Dinge, der Mensch ist Gott.[/quote]

    Der Mensch ist NICHT Gott und dieser Strohmann wird auch durch x-fache Wiederholung nicht zu einer richtigen Darstellung.

    [quote]Die Verfasser sind wahre Eiferer ihres Glaubens. So leicht kann man – im Rahmen des „Humanistischen Manifests” – die nationalsozialistische Schreckensherrschaft einer kirchen- und glaubensbegründeten Diktatur naherücken. Ohne weitere Worte![/quote]

    Eine kirchen- und glaubensbegründete Diktatur wäre demnach etwas Positives? Dass Rassismus/Kommunismus auf irrationalen, nicht zu hinterfragenden Dogmen aufbauende Glaubenssysteme waren/sind, lässt sich schlecht bestreiten. Das rechtfertigt strukturelle, nicht zwangsläufige inhaltliche Parallelen zu anderen Glaubenssystemen.

    [quote]Immer wieder spricht Hass aus den Worten dieses Humanismus. Was für tiefe, persönliche Verletzungen muss auf Seiten der Autoren geben, um diese Verachtung in ein Manifest des Humanismus einzubringen?[/quote]

    Wo du da Hass herausliest, bleibt dein Geheimnis und deine seltsamen Ferndiagnosen dürften auch nicht recht erhellend sein. Indoktrinierung mag dir ja nicht gefallen, aber sie beinhaltet, dass eine bestimme Auslegung unter Unterdrückung von Kritik als einzig wahr weitergegeben wird und dies in diesem Zusammenhang an Kinder, die wesentlich leichter beeinflussbar und gutgläubig sind. Dies Indoktrinierung dürfte weder in die eine, noch in die andere Richtung erfolgen und das steht dort ja auch explizit als zu wünschende Idealform: eine freie Entscheidung nach Kenntnis aller Möglichkeiten.

    Insgesamt eine recht schwache Auseinandersetzung, was man schon daran sieht, dass du die wenigen Bruchstücke aus einem doch recht umfangreichen Dokument zum Teil noch verbiegen musst, um einen Kritikpunkt herausquetschen zu können. Und Bibelverse allein sind auch nur dann als Gegenargument hinreichend, wenn man voraussetzt, dass sie Gottes Wort sind…womit wir wieder beim methodischen Naturalismus sind, den du augenscheinlich nicht als das verstehen möchtest, was er ist.

  2. Das ist doch nett – gleich der erste Kritikpunkt ist eine Unterstellung. Die Manifeste II und III plus plus die erwähnte Erklärung habe ich natürlich gelesen.

    Manifest I habe ich schlicht aus Zeitgründen nicht auch noch gelesen, dafür ist meine sogenannte „Sekundarliteratur“ erste Sahne: Sie ist nämlich die Vorrede des Manifest III… also die Eigenkritik der Manifest-Autoren…

    „Inwieweit hier nicht zuletzt eine Reaktion auf einen sich verstärkenden religiösen Fundamentalismus vorliegt, interessiert dich natürlich gar nicht.“

    Wieviel hast du denn von „Der Gotteswahn“ gelesen, könnte ich gegenfragen, aber es interessiert nicht wirklich. Für mich steht nach sorgfältig gelesenen 534 Seiten fest: Dawkins‘ Frau Lalla kommt an so prominenten Stellen vor, dass damit unmissverständlich das Leitthema vorgegeben wird: Befreiung.

    Auch im Manifest heisst es entsprechend: „Wir glauben, dass es für die Menschheit an der Zeit ist, ihr eigenes Erwachsensein anzunehmen, d.h. Wunderglauben und Mythosbildung hinter sich zu lassen.“ Befreiung vom Joch der Religion, das hat Stalin auch so gesehen.

    Zurück zu Lalla: Die nicht näher definierten psychischen Schwierigkeiten Lallas, die laut Diagnose des Ehemanns und Biologen R.D. aus der Erziehung stammen, die seiner Frau zuteil wurde, haben ihre Befreiung verhindert. So erkennen wir die verhinderte Befreiung Lallas als wesentliche Motivation für die Christenhäme des R.D.

    Religiöser Fundamentalismus. Hm ja, da haben wir den Islam, da haben wir manche US-Evangelikale, mit beiden Phänomenen beschäftigt sich R.D. wenn überhaupt dann nur sehr, sehr, sehr peripher. Da ist ihm das Schicksal seiner Frau wichtiger, die er den essentiellen Satz (?) auf ihren nichterfolgten Schulabbruch sagen lässt: ‚Ich wusste nicht, dass ich das gedurft hätte.‘

    Soviel zur ernsthaften Beschäftigung des R.D. mit dem Phänomen des religiösen Fundamentalismus. Der wiederum mit meinen christlichen Anliegen nicht direkt etwas zu tun hat. Ich kann getrost dabei bleiben: Die brutale Christenhetze des Herrn R.D. ist total unwissenschaftlich. Ich denke das hätten wir besprochen, übrigens nicht zum erstenmal.

    „Es geht hier nicht um “Wissenschaft”, sondern explizit um “wissenschaftlichen Naturalismus” und dort hat Gott tatsächlich keinen Platz, solange er so definiert wird, dass er außerhalb der Kriterien des wissenschaftlichen Naturalismus stehen muss.“

    Wissenschaftlicher Naturalismus ist nicht Wissenschaft, das ist schon sehr bemerkenswert.

    Das Manifest sagt „Das Vorbringen okkulter Ursachen oder transzendentaler Erklärungen ist nicht zulässig.“ Du meinst: „Mit [mangelnder] Toleranz hat das rein gar nichts zu tun.

    Nun, das sehe ich einfach anders. Die Formulierung „Das Vorbringen… ist nicht zulässig“ spricht Bände, meine Sicht der Dinge ist selbsterklärend.

    Du willst auf dem vollständigen Zitat bestehen, kein Problem: „dass es aus diesem Grund keine Beschränkungen für die wissenschaftliche Forschung geben darf, es sei denn, die Forschung würde die Rechte von Personen verletzen“

    Fangen wir halbernst an: Auch der Biologe R.D. geht von schier unendlichem Genmaterial aus, das – obwohl das Potential vorhanden ist – nicht zu menschlichen Wesen führt. In seiner etwas weinerlichen – für sein eigenes Begräbnis vorbereiteten (!) – Grabrede, meint Dawkins: ‚Das wissen wir, weil die Menge an Menschen, die aus unserer DNA entstehen könnten, bei weitem grösser ist als die Menge der tatsächlichen Menschen.‘ Wenn wir nun daran denken, wieviel mit Genmaterial herumgespielt wird, und diesen Potenzen die Chance auf Leben einfach genommen wird…

    Wir könnten eine Reihe von Beispielen durchgehen, wo das Recht von – durchaus realen – Menschen im Interesse der Wissenschaft und ohne ethische Einwände mit Füssen getreten wird. Liberale Forschungsdoktrinen wie die vorliegende tragen ganz wesentlich dazu bei. Es ist (leider!!) ziemlich aussichtslos geworden, sich mit dieser Seite der im Sinne des Manifests arbeitenden Wissenschaft auseinanderzusetzen.

    Meinst du im weiteren, Wissenschaftler à la Craig Venter würden die Regeln des Manifests verletzen? Ich zitiere C.V.: “Ihre Frage impliziert, dass Wissenschaftler keine ethischen Fragen diskutieren sollten. Das ist Unsinn. Wer sonst sollte diese Fragen stellen, wenn nicht die Wissenschaftler? Es gibt keine Ausbildung, die bestimmten Personen mehr Autorität in Ethikfragen verleiht als anderen.” Kein weiterer Kommentar.

    Du willst anders zitieren? Gerne, es macht meine Sache nur einfacher: „Gibt es Unterschiede, müssen wir diese, wo immer wir können, durch einen rationalen Dialog überwinden.“

    Da in der naturalistische Wissenschaft das Vorbringen transzendentaler Erklärungen nicht zulässig ist, handelt es sich bei deinem Einwand schlicht um Augenauswischerei. Gemäss dem lapidaren Motto, kannst du nicht rational argumentieren, hast du eben Pech gehabt.

    Das Manifest spricht von: „Gesellschaftsordnungen, in denen es eine Vielzahl alternativer Wertesysteme geben kann.”

    Diese pseudoliberale Formel demaskiert die Inhaltsleere und Rückgratlosigkeit dieses Humanismus. Heute passt uns diese Richtung (tolerant gegen Religionen, Planwirtschaft und Wohlfahrtsstaat machen die Gesellschaft glücklich), und morgen jene (gegen Wohlfahrtsstaat und religiöse Toleranz). Es handelt sich ganz einfach um eine Bankrotterklärung der Ernsthaftigkeit des vorliegenden Manifestes, die Mehrzahl der Paragraphen sind hilflose Krücken im Wind der Zeit.

    „Ich bin schon ein wenig erstaunt, dass die Verwendung das Thomas Morus-Zitates offenbar tatsächlich dein Hauptargument für die Schlechtigkeit aller Befürworter von Sterbehilfe ist. Aber seis drum.“

    Sorry, dieser Hinweis deinerseits ist nicht nur peinlich, sondern unredlich. Meine Linie ist der gesellschaftliche Entwurf nach Käßmann, gegen den kein Atheist ernsthafte Einwände vorbringen kan, wie gerne er auch möchte.

    Der Mensch ist NICHT Gott und dieser Strohmann wird auch durch x-fache Wiederholung nicht zu einer richtigen Darstellung.

    Sooft ich will, wiederhole ich: Für den Christen ist nur Gott allmächtig, für den Atheisten übernimmt – bei postulierter Abwesenheit eines Gottes – der Mensch gottähnliche Rollen. Hast du schon wieder vergessen, dass Craig Venter demnächst Leben auf künstliche Weise schaffen wird?

    „Dass Rassismus/Kommunismus auf irrationalen, nicht zu hinterfragenden Dogmen aufbauende Glaubenssysteme waren/sind, lässt sich schlecht bestreiten.“

    Der Kommunismus baute auf irrationalen Glaubenssystemen auf… eine kühne und sehr spannende Theorie, aber nicht mein Fall.

    Nach meiner Lesart nach suggeriert das Manifest auf unangenehme Weise, dass Kommunismus/Nationalsozialismus im Kern religiös begründete Diktaturen wären – trifft diese Lesart zu, ist das wieder einmal ein ungerechtfertigter und bösartiger Untergriff.

    „Wo du da Hass herausliest, bleibt dein Geheimnis und deine seltsamen Ferndiagnosen dürften auch nicht recht erhellend sein.“

    Hm, der Ton wird zunehmend unangenehm unsachlich. Ich zitiere nochmal aus dem Manifest: „Obwohl von den Eltern vermittelte sittliche Grundsätze von großer Bedeutung sind, dürfen Eltern nicht einfach ihre eigenen religiösen Anschauungen oder sittlichen Werte auf ihre Kinder übertragen.“ Diese Vorschrift ist schamlos, familienfeindlich, diskriminierend gegenüber liebevoller und altersgemässer religiöser Vorbildgebung, offenbar aus einem diffusen Hass gegen Tradition und Transzendentes heraus formuliert, und letztlich totalitär.

    „Insgesamt eine recht schwache Auseinandersetzung…“

    Dein persönliches Urteil finde ich nicht rasend interessant.

    Am Ende heisst es nunmehr: Vom Pamphlet „Humanistisches Manifest III“ ist für mich kaum beachtenswertes übriggeblieben.

  3. „Wieviel hast du denn von “Der Gotteswahn” gelesen, könnte ich gegenfragen, aber es interessiert nicht wirklich. Für mich steht nach sorgfältig gelesenen 534 Seiten fest: Dawkins’ Frau Lalla kommt an so prominenten Stellen vor, dass damit unmissverständlich das Leitthema vorgegeben wird: Befreiung.“

    Ich habe es izwischen auch gelesen und wie gründlich du Dawkins studiert hast, sehe ich ja an deiner Behauptung im anderen Posting, dass er zugeben würde, dass religiöse Menschen moralischer handeln. :-) Die Absicht des Buches bestreite ich gar nicht, Dawkins nennt sie ja auch deutlich deutlich, mir ging es um die Begründung, warum zum gleichen Zeitpunkt eine ganze Reihe (du hattest „viele“ angesprochen) ähnlich gelagerter „atheistischer“ Schriften erschienen sind.

    “ So erkennen wir die verhinderte Befreiung Lallas als wesentliche Motivation für die Christenhäme des R.D.“

    Das ist nun angesichts der Unzahl verschiedener Beispiele, Zitate und angeführter Kritikpunkte (von denen nur ein Bruchteil überhaupt etwas mit seiner Frau zu tun haben können) völliger Quatsch.

    „Ich kann getrost dabei bleiben: Die brutale Christenhetze des Herrn R.D. ist total unwissenschaftlich. Ich denke das hätten wir besprochen, übrigens nicht zum erstenmal.“

    Ich wüsste allerdings nicht, dass ich dieser Behauptung zugestimmt hätte. Weder handelt es sich um „brutale Christenhetze“, noch ist es „total unwissenschaftlich.

    „Wissenschaftlicher Naturalismus ist nicht Wissenschaft, das ist schon sehr bemerkenswert.“

    Nein, nicht zwangsläufig, du kannst sie auch anders definieren, auch wenn beides in der Regel und umgangssprachlich heute als identisch gebraucht wird.

    „Nun, das sehe ich einfach anders. Die Formulierung “Das Vorbringen… ist nicht zulässig” spricht Bände, meine Sicht der Dinge ist selbsterklärend.“

    Sie basiert nichtsdestotrotz auf einer absichtlichen Verdrehung des Kontextes. Im Rahmen des methodische Naturalismus sind okkulte Erklärungen nicht zulässig, weil diese per definition nicht naturalistisch sein können. Du zitierst die beiden direkt aufeinanderfolgenden Sätze ja sogar, was daran mißzuverstehen ist, bleibt schleierhaft.

    „Wir könnten eine Reihe von Beispielen durchgehen, wo das Recht von – durchaus realen – Menschen im Interesse der Wissenschaft und ohne ethische Einwände mit Füssen getreten wird.“

    Dann gehen wir die mal durch, bin gespannt.

    „Meinst du im weiteren, Wissenschaftler à la Craig Venter würden die Regeln des Manifests verletzen? Ich zitiere C.V.: “Ihre Frage impliziert, dass Wissenschaftler keine ethischen Fragen diskutieren sollten. Das ist Unsinn. Wer sonst sollte diese Fragen stellen, wenn nicht die Wissenschaftler? Es gibt keine Ausbildung, die bestimmten Personen mehr Autorität in Ethikfragen verleiht als anderen.” Kein weiterer Kommentar.“

    Inwieweit verletzt Venter denn die Regeln? Und warum sollte er sich nicht dagegen wehren, dass Wissenschaftler keine ethischen Fragen diskutieren dürfen sollten? Dein Argument ist mir nicht klar.

    „Da in der naturalistische Wissenschaft das Vorbringen transzendentaler Erklärungen nicht zulässig ist, handelt es sich bei deinem Einwand schlicht um Augenauswischerei. Gemäss dem lapidaren Motto, kannst du nicht rational argumentieren, hast du eben Pech gehabt.“

    Du hast behauptet, dass das Manifest ausschließen würde, dass es Diskussionen und Streit zwischen Atheisten geben kann und das ist falsch undhat außerdem mit dem von dir eben Geschriebenen gar nichs zu tun, denn Atheisten verwenden keine transzendentalen Erklärungen und du bezogst dich auf angeblich nicht vorhanden „inneratheistische“ Diskussionen. Deine Argumentationen sind oft inhaltlich auch wenig kohärent: einerseits machst du dich darüber lustig, dass die Humanisten es nicht mal schaffen, ein Manifest über 75 Jahre nicht zu ändern, gleichzeitig behaupten sie angeblich, dass sie sich nie über etwas streiten würden. Wie anders sollen Änderungen denn geschehen?

    „Diese pseudoliberale Formel demaskiert die Inhaltsleere und Rückgratlosigkeit dieses Humanismus. Heute passt uns diese Richtung (tolerant gegen Religionen, Planwirtschaft und Wohlfahrtsstaat machen die Gesellschaft glücklich), und morgen jene (gegen Wohlfahrtsstaat und religiöse Toleranz).“

    Da nirgendwo gegen Wohlfahrtsstaat oder religiöse Toleranz argumentiert wird, ist dies eine unsinnige Behauptung. Ich habe extra den ausführlichen Text des ersten Manifestes zitiert und du wirst kaum behaupten können, dass dort gegen eine Wohlfahrtsstaat agitiert wird.

    “ Meine Linie ist der gesellschaftliche Entwurf nach Käßmann, gegen den kein Atheist ernsthafte Einwände vorbringen kan, wie gerne er auch möchte.“

    Der Einwand ist ganz simpel, denn Käßmanns gesellschaftlicher Entwurf schließt Atheisten einfach aus, da er auf religiöser Grundlage steht. Ihre 4 Punkte enthalten rationale, nachvollziehbare Kritik, die ich durchaus selber teile und die man aber abstellen kann. Deine „Problemlösung“ ist diese: jeder sollte Christ werden, dann sieht er sein Leben als Geschenk Gottes, über das er nicht verfügen darf und hat außerdem die Hoffnung auf ewiges Leben und schwupps: wir brauchen keine aktive Sterbehilfe mehr. Wer das nicht möchte, hat eben Pech gehabt. Die libeale Haltung hingegen benachteiligt niemanden.

    „Sooft ich will, wiederhole ich: Für den Christen ist nur Gott allmächtig, für den Atheisten übernimmt – bei postulierter Abwesenheit eines Gottes – der Mensch gottähnliche Rollen“

    Dazu müsstest du mal belegen, wo ein Atheist den Menschen als allmächtig hinstellt. Warum muss zwangsläufig irgendjemand allmächtig sein oder gottähnliche Rollen einnehmen?

    „Hast du schon wieder vergessen, dass Craig Venter demnächst Leben auf künstliche Weise schaffen wird?“

    Und er tut das, weil er sich für allmächtig hält…

    „Nach meiner Lesart nach suggeriert das Manifest auf unangenehme Weise, dass Kommunismus/Nationalsozialismus im Kern religiös begründete Diktaturen wären – trifft diese Lesart zu, ist das wieder einmal ein ungerechtfertigter und bösartiger Untergriff.“

    Wenn man auf der Basis des methodischen Naturalismus argumentiert, ist dies nicht unbedingt der Fall.

    „Hm, der Ton wird zunehmend unangenehm unsachlich.“

    Klar, du schreibst von Hass und ich bin unsachlich….

    „Diese Vorschrift ist schamlos, familienfeindlich, diskriminierend gegenüber liebevoller und altersgemässer religiöser Vorbildgebung, offenbar aus einem diffusen Hass gegen Tradition und Transzendentes heraus formuliert, und letztlich totalitär.“

    Dass du meine diesbezüglichen Argumente komplett ignoriert hast, sagt sehr viel über deine Behauptungen aus. Niemand sollte in irgendeine Richtung hin indoktriniert werden und du behauptest, dass sei totalitär? Liebevolle und altersgemäße Vorbildgebung ist in „Jesus-Camp“ und saudiarabischen Koranschulen wohl nicht direkt anzutreffen.

  4. Zum Strohmann-Argument:

    Deine Position ist die folgende: Du diskutierst mit mir die Gottesfrage, gestehst theoretisch zu, dass bei Vorliegen entsprechender Kriterien und einer potentiell falsifizierbaren Hypothese herauskommen könnt, dass es Gott doch gibt, gehst aber gleichzeitig von seiner Nichtexistenz aus, ganz in der Tradition des methodischen Naturalismus, der das Vorbringen transzendentaler Hypothesen nicht zulässt, weil diese per definitionem nicht naturalistisch sein können. Daher kannst du gar kein anderes Ergebnis bekommen, als dass Gott eine Fiktion ist – eine Diskussion der Gottesfrage und auch dein Zugeständnis sind somit wertlos. Nicht ganz unbekannt, diese Argumentationsweise? Meine Sprache ist eine andere.

    Die persönliche Erfahrung sagt mir, Gott existiert. Glaube ich deshalb, dass viele oder alle Menschen dies auch erleben oder so sehen müssen? Natürlich nicht. Meine persönliche Erfahrung impliziert also keinesfalls, dass ich Gottes Existenz in einem Diskurs vorausgesetzt wissen will. Was wir allerdings für einen rationalen Diskurs brauchen, ist die Anerkennung des Ansatzes, dass es einen Gott geben kann, von dem es persönliche Zeugnisse durch die Propheten, durch Jesus Christus, durch die Apostel und durch die lebendige Kirche in grosser Zahl und auf (für mich) überzeugende Weise gibt.

    Weiters sage ich zu meiner Glaubensposition: Ich kann nicht WISSEN um die Existenz meines Gottes, daher bin ich zum GLAUBEN verdammt. Zur wissenschaftlichen Anforderung eines Dikurses über Gott kommt also auch noch die des Glaubens: Aus beiden Sichten kann ich Gott gar nicht voraussetzen, ich kann ihn bestenfalls annehmen, einmal als Hypothese, und einmal im Glauben annehmen.

    Ein transzendentaler Ansatz wird von Atheisten und naturalistischen Humanisten klar verneint, weil er allein im Rahmen der von ihnen vorgegebenen Methodik gar nicht rational existieren kann. Dazu können wir doch stehen, dass wir in der Gottes- und damit in der Glaubensfrage nicht weiterkommen, aus methodischen beziehungsweise transzendentalen Gründen?

    Zum anglikanischen Atheismus

    Wer behauptet, dass es Dawkins in „Der Gotteswahn“ nicht um Befreiung aus postulierter religiöser Unmündigkeit geht, die er am Beispiel seiner Frau auf lächerliche Weise auch noch persönlich motiviert, hat das Buch mit einer sehr, sehr merkwürdigen Brille gelesen.

    Das Thema R.Dawkins ist für mich erledigt. Wer sich mit Philosophie beschäftigt, für den ist Peter Sloterdijk kein Unbekannter: „Dass bekennende Gottesleugner ihrerseits vom eigenen Eifer düpiert werden können, zeigt jüngst der Fall des Biologen R.Dawkins, dessen Buch The God Delusion (2006) der unvergänglichen Seichtheit des anglikanischen Atheismus ein Denkmal setzt.“ Gottes Eifer, Peter Sloterdijk (2007).

    Zu den Fragen der Zeit

    „Gottes Eifer ist ein Essay von Peter Sloterdijk, der 2007 im Verlag der Weltreligionen veröffentlicht wurde. Sloterdijk vergleicht die drei großen monotheistischen Religionen: Judentum, Christentum und Islam. Dabei führt der Autor sie auf ihre abrahamitischen Wurzeln zurück und beschreibt, was sie voneinander trennt und worin sich die Glaubensinhalte unterscheiden. Er geht dann der Frage nach, welche politisch-sozialen und psychodynamischen Voraussetzungen die Entstehung des Monotheismus bedingten. Das Judentum emanzipierte sich zuerst gegen den Polytheismus der Ägypter, Hethiter und Babylonier und behauptete sich als Protesttheologie des „Triumphs in der Niederlage“. Während die Religion des Judentums auf das eigene Volk begrenzt blieb, modifizierte das Christentum mit seiner apostolischen Botschaft auch vorhandene Naturreligionen und bezog sie in ihren universalen Verkündigungsgehalt mit ein. Der Islam verschärfte den offensiven Universalismus zum militärisch-politischen Expansionsmodus… Sloterdijk geht dabei davon aus, dass der Glaube eine anthropologische Grundkonstante ist. Er wirft im weiteren die Frage auf, ob und wie die Religionen auf einen „zivilisatorischen Weg“ geführt werden können, um ihr geistiges Potential nutzbar zu machen.“ (Wipedia)

    Die ökumenische Auseinandersetzung, die Diskussion der Beziehungen der Religionen untereinander ist letztlich brennender, als die Frage, wie Atheisten ihr aus religiöser Sicht begrenztes Weltbild rechtfertigen. Für intelligente Atheisten ist es offensichtlich, dass sie die Kirchen und vor allem den Glauben nicht soweit zurückdrängen können, wie es aus ihrer naturalistischen Sicht erstrebenswert ist. Somit befinden sich Atheisten in einem Kulturkampf, den sie nicht gewinnen können. Bescheidene Konstrukte im Sinne der „Humanistischen Manifeste“ führen zu einem immer schärfer werdenden Gegensatz zu glaubensmotivierten Denk- und Lebensmustern. Die anstehenden Fragen der Zeit liegen inzwischen viel mehr im Arbeiten in Richtung Versöhnung, auch zwischen den monotheistischen Religionen. Die erneuerten christlichen Gemeinden sind lebendig und wenden sich an volljährige Menschen, die ihr Leben an Jesus Christus übergeben wollen, und am Dialog der Kirchen interessiert sind. (Anmerkung zur „christlichen Indoktrination“: Die Geschichte des Atheismus wird sich zu gegebener Zeit fragen, warum der Kampf gegen „Kindesmisshandlung“ zur falschen Zeit und am falschen Ort erfolgte.) Die Fragen der neuen christlichen Gemeinden und des interreligiösen Dialogs, sowie die Arbeit an meinem Glauben werden mich künftig mehr beschäftigen.

  5. „Du diskutierst mit mir die Gottesfrage, gestehst theoretisch zu, dass bei Vorliegen entsprechender Kriterien und einer potentiell falsifizierbaren Hypothese herauskommen könnt, dass es Gott doch gibt, gehst aber gleichzeitig von seiner Nichtexistenz aus, ganz in der Tradition des methodischen Naturalismus, der das Vorbringen transzendentaler Hypothesen nicht zulässt, weil diese per definitionem nicht naturalistisch sein können. er kannst du gar kein anderes Ergebnis bekommen, als dass Gott eine Fiktion ist – eine Diskussion der Gottesfrage und auch dein Zugeständnis sind somit wertlos.“

    Von der Nichtexistenz gehe ich deswegen aus, weil bisher eben noch keine der wissenschaftlichen Methodik genügenden Kriterien für Gott vorgelegt wurden. Dies wäre prinzipiell ja möglich und dann könnte man natürlich auch zu einem anderen Ergebnis kommen, das heisst, die von die behauptete Gleichzeitigkeit ist so nicht vorhanden, das eine ist das vorläufige Resultat des anderen. Es bleibt dir doch unbenommen, eine wissenschaftliche Methodik vorzuschlagen, die transzendentale Hypothesen integriert und wenn diese in der Beschreibung der Realität und bei der Erkenntnisgewinnung erfolgreicher ist als der methodische Naturalismus, umso besser. Bis dahin gehe ich aber davon aus dass letzerer die beste wssenschaftliche Methodik ist.

    Deine Behauptung, Dawkins wäre „total unwissenschaftlich“ hängt ja nicht zuletzt davon ab, von welcher Art Wissenschaft du da redest, nämlich von deiner eigenen, die nicht auf transzendente Hypothesen verzichtet. Dann muss Dawkins natürlich falsch liegen. Allerdings bleibst du jegliche Definition und Begründung, warum diese deine Methode besser und sinnvoller sein soll als methodischer Naturalismus, schuldig. Du möchtest, dass es so ist und deswegen ist es eben so.

    Es bleibt aber dabei, dass im Rahmen der naturalistischen Wissenschaft bislang keine Gründe dafür vorliegen, von Gottes Existenz auszugehen. Das heisst entweder, dass diese Methodik fehlerhaft oder unzureichend ist oder dass Gottes Existenz prinzipiell in diesem Rahmen nicht untersucht werden kann. Du setzt das zweite voraus und willst damit ersteres beweisen, aber das funktioniert so nun mal nicht.

    „Meine persönliche Erfahrung impliziert also keinesfalls, dass ich Gottes Existenz in einem Diskurs vorausgesetzt wissen will.“

    Das machst du allerdings beständig und beschreibst jeden Ansatz, der dies nicht tut, als grundsätzlich unzureichend.

    “ Was wir allerdings für einen rationalen Diskurs brauchen, ist die Anerkennung des Ansatzes, dass es einen Gott geben kann, von dem es persönliche Zeugnisse durch die Propheten, durch Jesus Christus, durch die Apostel und durch die lebendige Kirche in grosser Zahl und auf (für mich) überzeugende Weise gibt.“

    Dazu musst du die Kriterien für Rationalität und die Rahmenbedingungen wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung anders definieren. Eines der – geringeren – Probleme, die dir daraus erwachsen, ist, dass dann JEDE geoffenbarte Religion wahr und jeder entsprechende Gott diskursfähig wird.

    “ Dazu können wir doch stehen, dass wir in der Gottes- und damit in der Glaubensfrage nicht weiterkommen, aus methodischen beziehungsweise transzendentalen Gründen?“

    Das habe ich eigentlich von Anfang an betont. Daraus würde aber eben auch folgen, dass du Atheisten nicht Unwissenschaftlichkeit vorwerfen kannst, wenn sie davon ausgehen, dass Gottes Existenz bislang aus wissenschaftlicher Sicht nicht wahrscheinlich ist. Jenseits dieser Methodik ist prinzipiell alles möglich und denkbar und du kannst selbstverständlich deine Glaubenserfahrungen als Belege annehmen. Das Problem ist aber, dass du und andere so verzweifelt die Wissenschaft mit ins Boot holen wollt

    „Wer behauptet, dass es Dawkins in „Der Gotteswahn“ nicht um Befreiung aus postulierter religiöser Unmündigkeit geht, die er am Beispiel seiner Frau auf lächerliche Weise auch noch persönlich motiviert, hat das Buch mit einer sehr, sehr merkwürdigen Brille gelesen.“

    Dawkins will „bekehren“ und macht daraus keinen Hehl. Dass er das allein wegen seine Frau und aufgrund persönlicher Motivation tun möchte, ist schlicht lächerlich. Ich verstehe schon, dass es die Sache natürlich vereinfacht, wenn man den „Gegner“ als emotional und von rein subjektiven Gründen Getriebenen hinstellen möchte, aber so einfach kann man sich um die Argumente dann nun auch wieder nicht herumdrücken.

    Ob du dir mit Sloterdijk den richtigen Verbündeten herausgesucht hast?:

    „Worin bestehen – bei allen Unterschieden, die Christentum, Judentum und Islam voneinander trennen – ihre Gemeinsamkeiten? Bekannt sind das Missionsstreben der Christen, die politisch-militärische Expansionsform der Mohammedaner und die introvertierte Ritualgemeinschaft der Juden. Doch es haben sich gemeinsame religiöse Äußerungsformen herausgebildet. Sloterdijk findet sie im typisch monotheistischen Eiferertum. Im Ausblenden von Zweifeln und Vieldeutigkeiten. In der fanatischen Suche nach der einwertigen Ursprache und einfachen Wahrheit. Da die Komplexitätsreduktion jeden Eiferer auszeichnet, ist dem Aufklärer Sloterdijk grundlegend jede Religion“

    http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/725720/

    Egal, Hauptsache es geht gegen Dawkins. :-)

    „Die ökumenische Auseinandersetzung, die Diskussion der Beziehungen der Religionen untereinander ist letztlich brennender, als die Frage, wie Atheisten ihr aus religiöser Sicht begrenztes Weltbild rechtfertigen.“

    Hier zeigt sich auch wieder, wer wirklich mit bestimmten Vorbedingungen in einen „rationalen“ Diskurs einsteigen will. Für dich steht die Existenz Gottes überhaupt nicht zur Debatte, du forderst von Atheisten aber als Vorleistung, dass sie diese doch erst mal spaßeshalber annehmen sollten. Atheisten können problemlos Kriterien definieren, deren Erfüllung sie von der Existenz Gottes überzeugen könnte, du kein einziges für das Gegenteil. Welchen Sinn soll dann ein rationaler Diskurs haben?

    „Die anstehenden Fragen der Zeit liegen inzwischen viel mehr im Arbeiten in Richtung Versöhnung, auch zwischen den monotheistischen Religionen.“

    Und was eignet sich besser zur Versöhnung als die Einigung auf einen gemeinsamen Gegner…

  6. ” Was wir allerdings für einen rationalen Diskurs brauchen, ist die Anerkennung des Ansatzes, dass es einen Gott geben kann, von dem es persönliche Zeugnisse durch die Propheten, durch Jesus Christus, durch die Apostel und durch die lebendige Kirche in grosser Zahl und auf (für mich) überzeugende Weise gibt.” Du antwortest: Eines der – geringeren – Probleme, die dir daraus erwachsen, ist, dass dann JEDE geoffenbarte Religion wahr und jeder entsprechende Gott diskursfähig wird.

    Damit bin ich zunächst einverstanden. Gegebenenfalls würden wir einen Schritt weiterkommen. Da sehe ich die Chance, die Wahrscheinlichkeit für das Leben Jesu Christi signifikant höher anzusetzen als dieWahrscheinlichkeit für die Existenz der himmlischen Teekanne.

    Das unterhaltsame aber jedenfalls für meine Seite intellektuell unbefriedigende Abgleiten der atheistischen Gottesfantasien (eigentlich Spassgötter) auf Teekannen und Spaghettimonster könnte einem spannenderen Diskurs Platz machen, wie etwa neuer Humanismus vs. christliche Ethik.

    Aber wehe, ein Blogautor wagt es, am humanistischen Manifest kräftig herumzumäkeln, dann sind die vermeintlich tapferen Atheisten/Humanisten ja sehr, sehr empfindlich. Gläubige halten da schon einiges aus: vom Spaghettimonster bis zur infantilen Beschimpfung des einen und wahren Gottes als „rachsüchtigen, blutrünstigen, ethnischen Säuberer; frauenfeindlichen, homophoben, rassistischen, Kinder- und Völker mordenden, ekligen, grössenwahnsinnigen, sadomsochistischen, launisch-boshaften Tyrann.”

    Jenseits dieser Methodik ist prinzipiell alles möglich und denkbar und du kannst selbstverständlich deine Glaubenserfahrungen als Belege annehmen. Das Problem ist aber, dass du und andere so verzweifelt die Wissenschaft mit ins Boot holen wollt

    Da kenne ich glücklicherweise nur wenige Gläubige, die der Verzweiflung nahe sind… worum es geht, ist vielmehr, den „Wissenschaftlern“ unter den Atheisten (nicht alle verdienen den Namen) ständig auf die Finger zu schauen: Frau Merkel beispielsweise macht mit ihrem (sehr wahrscheinlich nichtgläubigen) Hirnforscher nicht gerade eine gute Figur…

    Ob du dir mit Sloterdijk den richtigen Verbündeten herausgesucht hast? Egal, Hauptsache es geht gegen Dawkins.

    Die Kritik Sloterdijks – das ist mir ein ganz wichtiger und zentraler Punkt – halte ich dewegen gerne und offenen Herzens aus, weil er ein Kritiker religiöser und sonstiger geistiger Disziplinen ist, den ich ernstnehmen kann!

    Da gibt es keine Spur von Verächtlichmachung, von infantilen Literaturanfällen (wir wissen, von wem ich spreche), es geht dabei durchaus um scharfe Kritik, die mit Respekt vorgetragen wird. Eine Kritik, die jedenfalls grundsätzlich mit den Begrifflichkeiten Transzendenz und Gott etwas anfangen kann. Das ist ein dramatischer Unterschied zu den „philophoben“ Duftmarken gewisser Angelsachsen.

    Für dich steht die Existenz Gottes überhaupt nicht zur Debatte, du forderst von Atheisten aber als Vorleistung, dass sie diese doch erst mal spaßeshalber annehmen sollten.

    Eben nicht spasshalber. Wie meine Antwort auf deinen Sloterdijk-Einwand ganz klar zeigt, geht es – auch bei schärfster gegenseitiger Kritik – um einen Kernrespekt, den ich auch bei dir nur sehr marginal, und oftmals gar nicht feststellen kann.

    Das von mir zitierte Sloterdijk-Buch beschäftigt sich dutzenden Seiten allein mit sieben Formen der Transzendenz. Ich sehe es genau umgekehrt und nehme stark an, dass Sloterdijk per definitionem sicher kein „Verbündeter“ deiner Wissenschaftswelt sein darf: Wer zur Physik ja sagt, aber für Metaphysik nur Spott und Hohn übrig hat: Wie sollen derartige „Humanisten“ im Diskurs von Theisten angenommen werden können?

    Es ist doch offensichtlich, dass die Position naturalistischer und/oder atheistischer Wissenschaftler zur Philosophie und Metaphysik ungeklärt ist.

    Wolfgang Cernoch, der von mir zitierte österreichische Philosoph weist zurecht darauf hin, dass Theologie und Evolutionsbiologie nur unter dem „Patronat“ der Philosophie einen fruchtbaren Diskurs über die Existenz Gottes werden führen können. Bis dahin gibt es andere Diskussionsmöglichkeiten, auf die ich abschliessend noch einmal hinweisen werde.

    Atheisten können problemlos Kriterien definieren, deren Erfüllung sie von der Existenz Gottes überzeugen könnte, du kein einziges für das Gegenteil. Welchen Sinn soll dann ein rationaler Diskurs haben?

    Dieses Abschotten ist sinnlos. Ein letztgültiger Beweis für oder gegen die Existenz Gottes ist – nach Bekennen selbst atheistischer Biologen – nicht möglich.

    Den Hinweis auf die hohe Unwahrscheinlichkeit Gottes nehme ich auch als gläubiger Mensch zur Kenntnis. Da mehr Annäherung von beiden Seiten per definitionem nicht möglich ist, stelle ich mit meiner Zurkenntnisnahme des Forschungsstandes der Evolutionsbilogie (die wiederum eingerämt hat, dass ihr unter anderem noch wesentliche Erkenntnisse aus der Physik fehlen!) sicher, dass ein Diskurs nicht ausgeschlossen ist.

    Ich halte nochmals fest: Das unterhaltsame aber jedenfalls für meine Seite intellektuell unbefriedigende Abgleiten der atheistischen Gottesfantasien (eigentlich Spassgötter) auf Teekannen und Spaghettimonster könnte einem spannenderen Diskurs Platz machen, wie etwa neuer Humanismus vs. christliche Ethik.

  7. Salve Kroski!

    Ultra posse nemo obligatur – Bedauerlich, daß so viele unter ihren Möglichkeiten bleiben, Gott zu erfahren. Ich denke, daß die gegenwärtige Theologie dabei nicht unerheblich Verantwortung trägt. Den Gott, der fremd und fern ist, vermuten wir in der Fremde und der Ferne, und erkennen nicht, daß er uns dort begegnet, wo wir uns nah und vertraut glauben.

    Eine Wissenschaft, die glaubt, sich selbst hervorbringen zu können, weiß sich nicht selbst: sie glaubt sich. Die unverfügbaren Voraussetzungen des Wissens leugnet sie und verwässert damit letztlich den Begriff des Wissens. Wer Wissenschaft will, der muß sie vor diesem eklatanten Mangel an Reflexion in Schutz nehmen.

    Tiberius

  8. Salve Tiberius,
    die gegenwärtige Theologie ist bei näherer Betrachtung wieder gottnäher: Das Buch des Papstes „Jesus von Nazareth“ macht Jesus erfahrbarer, und eröffnet den Dialog – mit Neutestamentlern, mit dem Judentum (!) und allen Interessierten. Das macht Mut!

    Der Mangel an Reflexion auf Seiten der naturalistischen Humanisten und Wissenschaftler, im Bereich der Voraussetzungen wissenschaftlichen Reflektierens, ist offensichtlich: Der Dialog mit der Philosophie im Rahmen der Wissenschaftstheorie findet erst gar nicht statt.

  9. Salve kroski.!

    Ja, Du hast Recht, denn auch mir macht der Heilige Vater Mut, vor allem aber gibt er mir Zuversicht. Mit Benedikt XVI. ist die Kirche, die Hüterin der Wahrheit, das, was ihr zukommt: die Speerspitze des Geistes.

    Die Wissenschaftstheorie ist nicht besser als die desolate geistige Verfassung der deutschen Universitäten, die den Gedanken der universitas vor Zeiten haben fallen lassen: Sie sind Herbstlaub.

    Vale!
    Tiberius

  10. Was ist eigentlich ein „wissenschaftlicher Naturalismus“? Ist das die Summe aller Naturwissenschaften + einer prise Spekulation?
    Viele Grüße!

  11. Da sehe ich die Chance, die Wahrscheinlichkeit für das Leben Jesu Christi signifikant höher anzusetzen als die Wahrscheinlichkeit für die Existenz der himmlischen Teekanne.

    Ob tatsächlich die Person Jesus als Mensch einmal gelebt haben sollte, würde nie jemand mit der Teekanne gleichsetzen, sondern ob dieser Gottes Sohn war, Wunder gewirkt hat und von den Toten auferstanden ist. Schon im Dawkins-Disput ist mir aufgefallen, dass du das „Zugeständnis“, dass Jesus gelebt hat, bereits als Erfolg wertest, warum auch immer. Es sind die nicht naturalistischen Eigenschaften von Christus, die man mit der Teekann und dem FSM vergleicht, weil die Wahrscheinlichkeit für alle eben ähnlich gelagert ist. Dass man realen Menschen nachträglich Götter- oder Prophetenstatus zugesprochen hat, ist ebenso unstrittig – nur würdest du es in allen anderen Fällen auch für Unsinn halten. Oder sind die Taten der antiken Götter realitätsnäher als die des FSM?

    Aber wehe, ein Blogautor wagt es, am humanistischen Manifest kräftig herumzumäkeln, dann sind die vermeintlich tapferen Atheisten/Humanisten ja sehr, sehr empfindlich.

    Klingt mein Beitrag wirklich so, als ob mich deine Kritik schwer getroffen und emotional aufgewühlt hätte? Dafür ist sie in meinen Augen zu substanzlos und ich habe eine ganze Weile überlegt, ob es sich überhaupt lohnt, darauf einzugehen, da jeder, der sich das Manifest durchliest, schnell merken wird, wie nachlässig (um es vorsichtig zu formulieren) du mit Kontext und Zitaten umgehst.

    Wie meine Antwort auf deinen Sloterdijk-Einwand ganz klar zeigt, geht es – auch bei schärfster gegenseitiger Kritik – um einen Kernrespekt, den ich auch bei dir nur sehr marginal, und oftmals gar nicht feststellen kann.

    Ich habe eigentlich immer nur auf deine Beiträge reagiert und du argumentierst häufig – beispielsweise im Gegensatz zu Marc von theolounge – gegen von dir aufgestellte und anderen untergeschobene Argumente. Schon der zweite Satz deines Beitrages über den angeblichen „Anspruch der Manifeste als Heilige Schrift der Ungläubigen“ illustriert die Richtung. Weder wird in den Manifesten ein solcher Anspruch aufgestellt, noch schreiben „Ungläubige“ sie ihnen zu. Du erleichterst eine sachliche Diskussion nicht gerade dadurch, dass du die „Sachen“ inkorrekt darstellst.

    Ich sehe es genau umgekehrt und nehme stark an, dass Sloterdijk per definitionem sicher kein „Verbündeter“ deiner Wissenschaftswelt sein darf:

    Ich kann sein Buch nur auf der Basis von Rezensionen und Zitaten bewerten, aber mir drängt sich nicht der Eindruck auf, dass er das prinzipielle Problem von unbedingtem Glauben, speziell des monotheistischen, nicht thematisiert. Er sieht die rationale Aufklärung zwar als universalistisch an, aber als von der Religion durch die Selbstreflexion, die Möglichkeit der Korrektur unterschieden und fordert eine Zivilisierung von Religion. Die große Frage ist, ob die machbar ist, ohne die Religion als solche wesentlich zu demontieren. Dawkins würde das vielleicht eher verneinen und darin mag einer der wesentlichen Unterschiede zu Sloterdijk liegen. Man sieht ja gerade an deinen Aussagen, wie wichtig eindeutige, klare Regeln sind, die man, weil göttlich, nicht hinterfragen sollte. Damit kollidierst du mit Sloterdijk am Ende genauso wie mit Dawkins.

    Es ist doch offensichtlich, dass die Position naturalistischer und/oder atheistischer Wissenschaftler zur Philosophie und Metaphysik ungeklärt ist.

    Philosophie und Metaphysik sind nicht dasselbe und die Stellung zu letzterer halte ich von Seite dieser Wissenschaftler durchaus für geklärt.

    Dieses Abschotten ist sinnlos. Ein letztgültiger Beweis für oder gegen die Existenz Gottes ist – nach Bekennen selbst atheistischer Biologen – nicht möglich.

    Letztgültige Beweise sind in der Naturwissenschaft prinzipiell nicht möglich. Aber das ist nicht der Punkt, denn davon unabhängig kann man Kriterien definieren, die eine bestimmte Hypothese falsifizieren. Nachweisliche Gebetserhörungen, Menschen die Wunder wirken und ähnliche Dinge würden Ungläubige im Endeffekt überzeugen.

    Das unterhaltsame aber jedenfalls für meine Seite intellektuell unbefriedigende Abgleiten der atheistischen Gottesfantasien (eigentlich Spassgötter) auf Teekannen und Spaghettimonster könnte einem spannenderen Diskurs Platz machen, wie etwa neuer Humanismus vs. christliche Ethik.

    Aber außer dem Hinweis, dass man das ja nicht vergleichen könne, weil es irgendwie gemein ist, kommt ja auch kein Gegenargument gegen diese Vergleiche. Diese, speziell das FSM, karikieren zunächst mal wieder die vorgespielte objektive Argumentation beispielsweise pro-ID, obwohl völlig klar ist, dass dahinter klare Gottesbilder (in der Regel christliche) stehen und dass es nicht um irgendeinen Schöpfer geht, sondern konkret um den der Bibel. Wie man es dreht und wendet, am Ende kommt man immer zu einem der Punkte, an dem ein Gläubiger einfach voraussetzungslos glaubt/glauben muss, egal, wie lange er vorher scheinbar rational argumentiert hat. Unterschiede bestehen sicher darin, wie vehement er diesen Glauben artikuliert, ob eher donnernd und pathetisch oder leiser und zweifelnder.

    Das wird auch das Problem bei einem Diskurs zwischen humanistischer und christlicher Ethik sein, wenn die Diskussion auf Seiten der Gläubigen von Fundamentalisten geführt wird, die bestimmte Positionen von der Hinterfragung ausnehmen müssen. Die Frage ist ja hier, welches Ziel man definieren würde, also was sollte Ethik erreichen und welche ist dazu besser prädestiniert. Sollte es das Glück, die Zufriedenheit des einzelnen Menschen sein? Das wäre für dich ja schon wieder eine „Vergöttlichung“. Oder vielmehr (auch) das Erfüllen von Ansprüchen, die unser Schöpfer selbstverständlich an uns stellen darf? Die Debatte um die aktive Sterbehilfe zeigt ja die Problematik sehr deutlich auf.

  12. @MountainKing

    Da sehe ich die Chance, die Wahrscheinlichkeit für das Leben Jesu Christi signifikant höher anzusetzen als die Wahrscheinlichkeit für die Existenz der himmlischen Teekanne.

    Leises Schmunzeln wird leicht überhört. Das ist eine miniaturartige Anspielung, dass ein gläubiger Mensch in letzten Fragen (Urgrund für das Universum; Existenz Gottes) nie von Wahrscheinlickeiten reden wird; entweder er glaubt (100%) oder eben nicht (0%).

    Kleine Anmerkung am Rande: So möchte ich bei der umstritten diskutierten Multiversumtheorie darauf wetten, dass diese These mit klarer Mehrheit von Atheisten vertreten wird, ganz einfach, weil sie ihnen so fein ins Konzept passt: Bei vielen ganz unterschiedlich beschaffenen Universen ist es statistisch schon wahrscheinlicher, dass eines der Universen eben genau wie unseres geartet ist, und schon haben wir – scheinbar mit der Eleganz eines Mozartmenuetts – die Entstehung des Lebens plausibel gemacht. Warum ich dieses Beispiel erwähne: Weil ich sehe, dass jeder von uns (Gläubiger wie Nichtgläubiger) von bestimmten Grundpositionen ausgeht, die ihn bestärken, in die eine oder andere Richtung zu argumentieren…, doch dazu später.

    Es sind die nicht naturalistischen Eigenschaften von Christus, die man mit der Teekanne und dem FSM vergleicht, weil die Wahrscheinlichkeit für alle eben ähnlich gelagert ist.

    Dass es einem Naturalisten nicht irgendwann unangenehm ist, die Wahrscheinlichkeit der Gotteseigenschaft eines Wesens mit derjenigen des fliegenden Spaghettimonsters zu vergleichen… hm, die Statistik ist bekanntermassen eine humane Wissenschaft ;-)

    Klingt mein Beitrag wirklich so, als ob mich deine Kritik schwer getroffen und emotional aufgewühlt hätte? Dafür ist sie in meinen Augen zu substanzlos und ich habe eine ganze Weile überlegt, ob es sich überhaupt lohnt, darauf einzugehen, da jeder, der sich das Manifest durchliest, schnell merken wird, wie nachlässig (um es vorsichtig zu formulieren) du mit Kontext und Zitaten umgehst.

    Lassen wir den Vorwurf der Substanzlosigkeit an meine Adresse an dieser Stelle aussen vor. Auch bei gründlichem Lesen des Manifests (und Überlesen der antireligiösen Einstreuungen) konnte ich keine besondere Substanzhaftigkeit im besprochenen Manifest entdecken; wenn das nicht ein aufdeckender Hinweis ist, getreu dem Sprichwort: Man spielt so gut, wie es der Gegener erfordert.

    Schon der zweite Satz deines Beitrages über den angeblichen “Anspruch der Manifeste als Heilige Schrift der Ungläubigen” illustriert die Richtung. Weder wird in den Manifesten ein solcher Anspruch aufgestellt, noch schreiben “Ungläubige” sie ihnen zu. Du erleichterst eine sachliche Diskussion nicht gerade dadurch, dass du die “Sachen” inkorrekt darstellst.

    Erleichtern wird wohl nicht gerade mein Ziel sein ;-) . Ich sehe gerade da ein Problem für einen Diskurs, in dem eine Seite sich „nur“ zu gerade jeweils gültigen naturalistisch-wissenschaftlichen Erkenntnissen bekennt, aber beispielsweise nicht zu einem Manifest, dass von namhaften Wissenschaftlern der eigenen Couleur erstellt wurde. Ein Prosit der Fahnenflucht vor einer bekennenden Weltanschauung…

    Es ist doch bemerkenswert, wie unendlich viel Mühe es kostet, aus atheistischen Diskussionsbeiträgen irgendein Bekenntnis herauszulesen; wenn es dann ein Manifest gibt, dass von kompetenten Persönlichkeiten verfasst und vertreten wird, darf ich also nicht in den Raum stellen, dass es von Naturalisten und Atheisten sehr ernst genommen wird?
    ———————————————–
    Gerade Zapateros Spanien ist ganz interessant zu beobachten. Bei allen Veränderungen (Geschlechterrollen, Ehe, Erziehungswesen,…) wird mit leuchtenden Augen argumentiert, ja warum solle das denn eigentlich nicht alles verändert respektive „befreit“ werden, der gesellschaftliche Fortschritt müsse sich jetzt endlich seine Bahn brechen.

    Dagegen einmal die Frage zu stellen, ob die gesellschaftlichen Kernfragen wie Geschlechterrollen, Familie, Ehe, Erziehung, Adoption, Abtreibung, Suizid etc. möglicherweise als Ganzes, sagen wir im Zusammenhang, auch für die Überlebensfähigkeit einer Gesellschaft, betrachtet werden können und sollen, darauf nimmt kaum einer der „Fortschrittler“ Bezug.

    Jeder einzelne Schritt wird stets für sich betrachtet (Ehe ab sofort zwischen jedweden natürlichen oder künstlich veränderten Geschlechtern) und als bahnbrechend gefeiert. Die möglicherweise dammbrechenden Folgen, wenn Kinder von natürlichen, dann wechselnden, auch gleichgeschlechtlichen, und/oder künstlich-geschlechtlichen Elternteilen erzogen werden, und psychische Probleme sich potenzieren, diese ernsthafte Auseinandersetzung wird geflissentlich übergangen.

    Sloterdijk… fordert eine Zivilisierung von Religion. Die große Frage ist, ob die machbar ist, ohne die Religion als solche wesentlich zu demontieren. Dawkins würde das vielleicht eher verneinen und darin mag einer der wesentlichen Unterschiede zu Sloterdijk liegen. Man sieht ja gerade an deinen Aussagen, wie wichtig eindeutige, klare Regeln sind, die man, weil göttlich, nicht hinterfragen sollte. Damit kollidierst du mit Sloterdijk am Ende genauso wie mit Dawkins.

    Zivilisierung der Religionen ist eine seit Jahrhunderten gegebene Entwicklung. Ein kleines aktuelles Zitat: „Die Zivilisierung der Religion durch Bildung hat Deutschland Jahrhunderte lang den religiösen Frieden erhalten. Dies ist keine Selbstverständlichkeit ist – das erfahren wir täglich aus den Nachrichten. Wer eine aufgeklärte und friedensfähige Religionskultur in Deutschland erhalten will, der muss sich beispielsweise sowohl für einen christlichen wie auch für einen islamischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen einsetzen.“ (Prodekan Dr. R. Schieder, Humboldt-Universität Berlin)

    Es ist doch offensichtlich, dass die Position naturalistischer und/oder atheistischer Wissenschaftler zur Philosophie und Metaphysik ungeklärt ist, sagte ich.
    Du meintest: Philosophie und Metaphysik sind nicht dasselbe und die Stellung zu letzterer halte ich von Seite (naturalistisch-wissenschaftlicher) Wissenschaftler durchaus für geklärt.

    Nämlich genau in der Form, dass ein Dialog für prinzipiell unmöglich erklärt wird, muss ich deinen krytischen Worten wohl entnehmen.

    Da höre ich dann – bei aller vermeintlichen Bescheidenheit des „wir sind so vernünftig und sprechen prinzipiell nur über Thesen, die auch falsifizierbar sind“ – einen Anspruch auf Vorherrschaft im gesellschaftlichen Diskurs heraus, der mit den Thesen einer aktuell diskutierten Einzelwissenschaft (!), der Evolutionsbiologie, die im übrigen selbst einräumt, dass sie auf ergänzende Erkenntnisse der Physik hofft (!), begründet wird, und jahrtausendealte Gesellschaftsbilder einfach auf den Kopf stellt, ohne über die Folgen nachzudenken. Systemisches und prognostisches Denken ade, oder wie soll man das verstehen?

    Auf meine Frage :Wie wäre ein spannenderer Diskurs, wie etwa neuer Humanismus vs. christliche Ethik? Antwortest du:
    Aber außer dem Hinweis, dass man das ja nicht vergleichen könne, weil es irgendwie gemein ist, kommt ja auch kein Gegenargument gegen diese Vergleiche. Diese, speziell das FSM, karikieren zunächst mal wieder die vorgespielte objektive Argumentation beispielsweise pro-ID, obwohl völlig klar ist, dass dahinter klare Gottesbilder (in der Regel christliche) stehen und dass es nicht um irgendeinen Schöpfer geht, sondern konkret um den der Bibel… Wie man es dreht und wendet, am Ende kommt man immer zu einem der Punkte, an dem ein Gläubiger einfach voraussetzungslos glaubt/glauben muss, egal, wie lange er vorher scheinbar rational argumentiert hat.

    Erster Antwortversuch (polemisch): In der Tat, es wird nicht mehr lange dauern, und Christen werden den „Christenstern“ tragen müssen. – Das war dir sicher „zu historisch“.

    Zweiter Antwortversuch (ironisch): Mensch ohne Bekenntnis fragt Mensch mit Bekenntnis: „Kannst du mir eine rationale Frage stellen, deren Antwort mir deine Glaubensvorausetzung nennt?“ Mensch mit Bekenntnis: „Es ist nicht so schwer, wenn du aus dem Titel der Kindersendung ‚Willi wills wissen‘ mit Hilfe der 3 meistvorkommensten Buchstaben und dem am wenigsten vorkommenden Vokal ein Nomen bildest.“ Mensch ohne Bekenntnis: „Willst du nicht lieber doch nicht glauben?

    Mit diesen Antwortvarianten habe ich meinen Ärger etwas hinuntergespült. – Weiter im Kontext: Du sprichst von vorgespielten Argumentationen?
    Da muss ich das nächste sehr merkwürdige Diskussionsbild von deinem Gegenüber vermuten: Wer gläubig ist, muss vom Aufstehen bis zum Schlafengehen irrational (deiner Meinung nach zum Beispiel mit Bibelzitaten) argumentieren. Das ist natürlich eine Ausgrenzung, die wieder Gedanken an den Antwortversuch Nummer eins hochkommen lässt.

    Auf christlichem Fundament diskutieren heisst:

    1. Die Ausgangsszenarien reichen von „Ich wurde christlich erzogen“ bis zu „Zum Zeitpunkt X habe ich von theistischen Weltbildern gehört“.

    2. Ich begreife, dass ich in einer komplexen Welt lebe: Wissenschaft (ohne ideologische Färbungen) hilft mir, Probleme zu meistern und die Welt detaillierter zu verstehen.

    3. In meinem Leben haben sich Vorfälle ereignet, die sich naturalistisch-wissenschaftlich nicht beschreiben lassen. Vielleicht habe ich „mystische Erfahrungen“ gemacht, wie Gottes- oder Jesuserfahrungen.

    4. Ich beziehe diese mystischen Erlebnisse in mein Lebens- und Weltbild ein. Mystische Erfahrungen einerseits und umfangreiche Beschäftigung mit den theistischen Glaubensformen andererseits führen mich zur Position des christlichen Glaubens: Nur im christlichen Glauben erkenne ich einen Gott, der in seiner unerschöpflichen Liebe seinen Sohn auf unsere Erde gesandt hat, um die Erlösung der Menschen (in einem künftigen Leben) sichtbar zu machen. In der Folge setze ich bei meinem Handeln und meinem Diskurs christlich-theistische Grundannahmen voraus.

    5. Zum Leidwesen meiner Diskussionspartner (z.B. zum Thema begeleiteter Suizid) nenne ich nicht ich bei jedem Argument meinen Gottesbezug (etwa in Form eines Bibelzitats), sondern eben dort, wo es erforderlich ist. So ist es beispielsweise möglich, in einem offenen Diskurs mit Nichtgläubigen die Gemeinsamkeiten Palliativmedizin, Hospizverfügungen und Patientenverfügungen zu definieren, und vorbehaltlos umzusetzen.

    Das wird auch das Problem bei einem Diskurs zwischen humanistischer und christlicher Ethik sein, wenn die Diskussion auf Seiten der Gläubigen von Fundamentalisten geführt wird, die bestimmte Positionen von der Hinterfragung ausnehmen müssen. Die Frage ist ja hier, welches Ziel man definieren würde, also was sollte Ethik erreichen und welche ist dazu besser prädestiniert. Sollte es das Glück, die Zufriedenheit des einzelnen Menschen sein? Das wäre für dich ja schon wieder eine “Vergöttlichung”. Oder vielmehr (auch) das Erfüllen von Ansprüchen, die unser Schöpfer selbstverständlich an uns stellen darf? Die Debatte um die aktive Sterbehilfe zeigt ja die Problematik sehr deutlich auf.

    Na, dann gehen wir weiter im christlich begründeten Diskurs und betrachten den Einwand „bestimmte Positionen von der Hinterfragung ausnehmen“. Ein Gelächter hebt an, das die Posaunen von Jericho glatt übertönt:

    Bestimmte Positionen („Es gibt metaphysische und mystische Erfahrungsebenen!“) werden von Naturalisten per definitionem vo einer ernsthaften Hinterfragung („Reichen die Instrumente unserer naturalistischen Wissenschaft möglicherweise nicht aus, um alle möglichen Erfahrungswelten zu erfassen?) ausgenommen, schon vergessen?

    Es ist pure Heuchelei, zu behaupten, die Diskussion würde von der einen Seite „vorgespielt“ und von der anderen Seite „angemessen“ geführt. „In der Folge setze ich bei meinen Handlungen und Disputen christlich-theistische Grundannahmen voraus.“ Diesen meinen Satz schlage ich vor, für naturalistische Atheisten wie folgt zu formulieren: In der Folge setze ich bei meinem Handeln und meinem Diskurs naturalistische Grundannahmen voraus.

    Der Fels auf dem Stalin stand war genauso trügerisch wie der Felsen auf dem die Inquisition stand. Oder positiv formuliert: Der Grund auf dem der Materialismus steht ist besonders im technologischen Sinn gesellschaftsdienlich, während der Theismus im ethisch-moralischen Kontext den aus christlicher Sicht höchsten Wert, die Liebe, in die Gesellschaft einbringt, um gemeinsam mit dem säkularen Wert „Glück“ und dem gemeinschaftlichen Gut „Freiheit“ für Positionen einer gesamtgesellschaftlichen Ethik zu ringen.

    Ich sehe keine Unvereinbarkeit der Positionen. Im Gegenteil, die Verbindung beider Welten – selbstverständlich im andauernden Diskurs über die jeweils humanistisch am besten zu vertretenden Positionen – kann die eigentliche Blüte humaner Entwicklung fördern: In der Auseinandersetzung für die höchsten Ziele, erfüllt von gegenseitigem Respekt.

  13. Was sol eigentlich diese ständige Hetze gegen Atheisten? Wie wäre es, wenn all ihr gläubigen Christen, Juden, Moslems, Buddhisten, Hindus, Odinisten, Scientologen, Satanisten oder was auch immer nicht immer nur von der Existenz eurer Götter, Geister, Engel, Dämonen, Schutzheiligen, Walküren, etc. reden, sondern diese auch mal eindeutig belegen würdet?
    Und mit irgendwelchen humanistischen Vereinigungen haben doch die wenigsten Atheisten etwas am Hut! Ich z.B. brauche weder einen organisierten Glauben noch einen organisierten Nichtglauben!

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