Suhrkamp und die „dritte Kultur“

Kann denn Lernen, kann denn Wissen unschuldig sein? Spätestens seit Michel Foucault wissen wir: Nein.

2008 kommt nun der Suhrkamp Verlag ins Spiel und legt mit der „edition unseld“ eine neue Verlagsreihe vor, die für eine „dritte Kultur“ werben möchte. Auch hier soll nach Wegen aus den „Sackgassen des 19. Jahrhunderts“ gesucht werden…

Irgendwann im dem 19. Jahrhundert teilte sich das Wissen in viele, alsbald unübersichtlich viele Bereiche. Natur- und Geisteswissenschaften traten einander gegenüber und entfremdeten sich zunehmend. Ein Kampf um die Deutungshoheit entbrannte.

Zurück ins 21. Jahrhundert. Anders als Brockman und seine Edge Foundation, deren Vermittlungsarbeit sich auf naturwissenschaftliche Abhandlungen in allgemeinverständlicher Sprache beschränken, verspricht Suhrkamp jedoch, den verlorenen Gesprächsfaden zwischen den „zwei Kulturen“ wieder aufnehmen. Doch sind die Geisteswissenschaften nach dem weltweiten Siegeszug naturalistischer Welterklärungsmodelle überhaupt noch ernstzunehmende Gesprächspartner?

Rolf Landua vom Europäischen Kernforschungszentrum CERN hat es sich da etwas leichter gemacht: In seinem Buch „Am Rand der Dimensionen“ unterhält sich der Physiker kurzerhand mit sich selbst und hat dabei sogar die eine oder andere Meinung zu philosophischen Themen. Er kennt das Nichts, die dunkle Seite der Materie, er weiß von unserer Herkunft, dem Urknall, zu berichten, er hatte auch schon mit Geistern zu tun, den Vakuumfluktuationen, und verfügt über einige hegelianische Grandezza: „Die Materie scheint den Drang zu haben, sich zu immer komplexeren Gebilden zu organisieren, um Information über sich selbst und die beste Überlebensstrategie in der jeweiligen Umgebung speichern zu können.“ Substanz und Subjekt, dialektisch einander zugetan – schöner geht es kaum.

Es sei denn, es kommt zu mehr als nur einem Selbstgespräch, wie etwa in dem Band „Hirnforschung und Meditation“: Dort unterhält sich Wolf Singer mit dem einstmaligen Molekularbiologen und seit 35 Jahren als buddhistischer Mönch in Katmandu lebenden Matthieu Ricard. Hier stoßen tatsächlich „zwei Kulturen“ aufeinander und finden sogar, was der naturwissenschaftlichen Ausbildung des Mönchs geschuldet sein dürfte, zu einer Sprache, die einander Verstehen, aber auch die Grenzen der Verständigung deutlich werden lässt. Was Singer, der Hirnforscher, und der Buddhist Ricard hier unternehmen, könnte ein Vorbild für das ehrgeizige Suhrkamp-Projekt sein.

Denn selbstverständlich ist es schön und gut, wenn der französischen Sozialphilosoph Bernard Stiegler die Versäumnisse von Laughlin ausgleicht und mit dem Buch „Die Logik der Sorge“ eine Medien- und Kapitalismuskritik vorlegt, die Ansätze für eine diskussionswürdige Gesellschaftstheorie enthält. Ganz bestimmt ist auch der Band „Stabile Ungleichgewichte“ zu empfehlen, in dem uns der Ökologe Josef H. Reichholf davon überzeugen will, komplexe Naturprozesse wie etwa den Klimawandel nicht zu dramatisieren, nur weil wir uns die Natur so gerne als ausbalanciertes Gleichgewicht vorstellen und jede Abweichung von diesem Ideal als bedrohlich empfinden. Und angeregt folgen wir dem Dichter Durs Grünbein und seinen „Drei Meditationen“ über René Descartes, den Begründer des neuzeitlich-wissenschaftlichen Denkens.

Doch gibt es für solche Bücher längst schon die bewährten Rubriken, sei es die „edition suhrkamp“ oder das „suhrkamp taschenbuch wissenschaft“. Für eine neue, dem Dialog zwischen den verschiedenen Wissenskulturen verpflichtete Reihe, deren Ambitionen auch der Name des legendären Verlagsleiters Siegfried Unseld unterstreichen soll, ist das – noch – zu wenig. Man hätte die Reihe auch „naturwissenschaft aktuell“ nennen können, gewissermaßen aus gegebenen Anlass, weil in letzter Zeit mit den Diskussionen über die Gen- oder Biotechnologie, über den Klimawandel, über den Welthunger, über die Menschheitsgeißel Aids oder über das globale Artensterben die immense Bedeutung der Naturwissenschaften ins öffentliche Bewusstsein rückte. Und tatsächlich hat Suhrkamp bereits einer anderen Weltdeutungsmacht, den Religionen, ein eigenes Verlagssegment gewidmet.

Von einer „dritten Kultur“ sind wir also noch weit entfernt. Doch abwarten, vielleicht werden wir eines Tages ein Buch zu lesen bekommen, in dem sich ein Biologe von einem Soziologen nachhaltig beeindrucken lässt und sogar seine Ansichten ändert – et vice versa. Vielleicht aber wird man auch merken, dass es eine strikte Trennung zwischen den verschiedenen Wissenschaftsidiomen nie wirklich gegeben hat, sondern die gegenseitige Sprachverweigerung nur die veränderten gesellschaftlichen Bedürfnisse widerspiegelt: Einen philosophischen Traktat zu verstehen, kostet nicht mehr und nicht weniger Mühe als das Verständnis einer physikalischen Formel, doch mit Hilfe der letzteren fliegt die Menschheit zum Mond, ersteres soll hingegen nur der inneren Erbauung dienen…

Und so könnte es sein, dass es eine „dritte Kultur“ längst gibt, in der Geist und Natur nicht versöhnt, aber einträchtig und vor allem einträglich nebeneinander existieren. Kapitalismus heißt sie, jene überaus gefräßige und, wenn es denn Gewinner verspricht, nach allen Seiten offene Veranstaltung, deren Verwissenschaftlichung in der Ökonomie, sei es als betriebs- oder volkwirtschaftlicher Disziplin, eigentlich nach einer neuen Kritik der politische Ökonomie verlangt. Danach zu fragen, legt uns immerhin Dietmar Dath in dem letzten Band „Maschinenwinter“ nahe. Warten wir also gespannt auf die Fortsetzung der „edition unseld“.

Gut jedenfalls, einen Hauch Geisteswissenschaften in einer derzeit vom Naturalismus geplagten Medienlandschaft erfahren zu dürfen, meint kroski.

Der vollständige Artikel in der FR findet sich hier.

Über .kroski

Was bewegt mich? ".kroski" widmet sich der Auseinandersetzung Christentum kontra Humanismus. Diese ist mittlerweile zum bedeutsamsten Kulturkampf in unserer Gesellschaft geworden: Atheisten, Humanisten und Naturalisten treten immer schärfer gegen jede Form von Religion auf, und die Kirchen wehren sich zunehmend dagegen. Es geht also weniger um unsere christlichen Positionen in der Auseinandersetzung mit Islam und Judentum. Vielmehr ist es die Konfrontation zwischen dem "evolutionären" Humanismus einerseits und den Kirchen andererseits, die unsere Kinder beschäftigen wird. Da möchte ich meinen kleinen Teil dazu beitragen, christliche Werte glaubwürdig zu vertreten. Grüße aus einem spannenden Leben, .kroski

Veröffentlicht am 7. Juni, 2008 in Bücher, Geisteswissenschaften, Medien, Naturalismus und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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