Euro 2008: Tore, Thesen und Tabus

Konflikte zwischen Männern und Frauen, Hass auf Schwule, existenzielle Deutungskämpfe – all das gibt es im Stadion. Fakt ist, dass für viele der Rasensport eine Art Lebensinhalt ist…

Der Sozialwissenschaftler Michael Rautenberg von der Technischen Universität Dresden erforscht, welche gesellschaftlichen Probleme sich im Fußball widerspiegeln und wie er die Alltagswelt vieler Menschen prägt. Rautenberg ist Co-Autor des Buchs „Doppelpässe – Eine sozialwissenschaftliche Fußballschule“.

ZEIT online: Sie untersuchen Fußball wissenschaftlich. Können Sie noch ganz entspannt Spiele ansehen?

Michael Rautenberg: Ich kann das ganz gut trennen. Ich selbst bin ein großer Fan von Dynamo Dresden. Natürlich fallen einem beim Zuschauen manche Dinge auf, aber ich habe mir diese Momente bewahrt, in denen ich das Fußballspiel einfach genieße.

ZEIT online: Was macht Fußball so besonders für die Menschen?

Rautenberg: Fußball ist eine Welt der Gefühle, der Dramatik und Tragik. Man erlebt Freude und Trauer. Und das Ganze nicht allein: Viele Fans gehen nicht nur wegen des Spiels ins Stadion, sondern weil sie dort Freundschaften pflegen. Die Fans verfolgen gemeinsame Interessen, identifizieren sich mit ihrer Mannschaft und fühlen sich zugehörig.

ZEIT online: Warum sind diese Gefühle beim Fußball so stark?

Rautenberg: Die Welt um uns wird immer individualisierter, Beziehungen zerbrechlicher. Wir wollen aber Bindungen aufbauen. Fußball bietet eine wunderbare Möglichkeit, in einer Gemeinschaft einen Haltepunkt zu finden.

ZEIT online: Welche Rolle spielen die Profis auf dem Platz dafür heute noch?

Rautenberg: Es ist nicht mehr wie früher, als Spieler ihre ganze Karriere lang bei einem Verein blieben und aus der Mitte der Fans kamen. Heute wechseln Spieler und auch Trainer jede Saison. Fußball ist es ein schnelllebiges, unpersönliches Geschäft. Es ist also der Verein an sich, der zählt. Ein Verein ist ein abstraktes Gebilde, das vor allem symbolischen Wert hat. Ich habe einmal einen Fan von Dynamo Dresden gefragt, was für ihn der Verein bedeutet. Seine Antwort war „Die Farben“.

ZEIT online: Untersuchen Soziologen mit dem Fußball sozusagen eine Gesellschaft im Kleinen?

Rautenberg: Erst mal ist Fußball nur ein unschuldiges Spiel, aber ein wichtiger Teil der Gesellschaft. Missstände oder Konfliktthemen aus der Gesellschaft finden sich auch beim Fußball wieder. Homophobie, in diesem Fall Feindseligkeit gegenüber Schwulen, ist immer noch ein Tabuthema. Oder die Geschlechterfrage: Männer und Frauen, ein existenzielles Problem beim Fußball.

ZEIT online: Wo liegt da das Problem?

Rautenberg: Fußball ist nach wie vor ein Sport, der von Männern dominiert wird. Auch wenn der Frauenanteil stetig zunimmt, liegt er im Stadion doch nur bei 10 bis 15 Prozent. Frauen sind stark unterrepräsentiert.

ZEIT online: Wie unterscheiden sich denn Männer und Frauen beim Fußball?

Rautenberg: Es gibt verschiedene Typen von Frauen beim Fußball. Es gibt diejenigen, die mit ihren Freunden zum Fußball mitkommen und sich vor allem für die schicken Stars auf dem Platz interessieren, wie Beckham, Ronaldo oder Figo. Dann gibt es Frauen, die im klassischen Sinne Fußballfans sind und sich auch von den Frauen distanzieren, die die Spieler anhimmeln. Sie grenzen sich bewusst ab und sehen sich als Experten. Als solche werden sie aber von den Männern nicht selbstverständlich akzeptiert. Dagegen müssen sich die Frauen erst mal zur Wehr setzen. Sie müssen sich diesen Status erst noch erarbeiten und mehr leisten als die Männer, denen selbstverständlich Expertentum unterstellt wird.

ZEIT online: Dabei ist es ja ohnehin schon sehr anstrengend, ein richtiger Fußball-Freak zu sein.

Rautenberg: Für viele Fans, vor allem besonders überzeugte, die so genannten „Ultras“, strukturiert der Fußball den ganzen Alltag. Sie verstehen sich auch über den eigentlichen Spieltag hinaus als Fan. Obwohl das viel Geld kostet und heute kaum noch ohne Organisationstalent geht. Das Internet hilft: In Foren tauscht man Informationen aus, diskutiert und macht Termine: Wann malen wir die Plakate? Wo bekommt man Busse für die Fahrt zum Spiel? Die Stadion-Choreografie vorzubereiten dauert zum Teil Wochen. Man muss mit dem Verein Kontakt aufnahmen und fragen, was erlaubt ist und was man zeigen darf. Es ist auch eine sehr kreative Angelegenheit. Es gibt Fahrten, die unter einem bestimmten Motto stehen. Ähnlich einer Mottoparty.

ZEIT online: Und wer das nicht mitmacht, ist kein richtiger Fan?

Rautenberg: Das wird auch innerhalb der Fanszene viel diskutiert: Muss man zu jedem Auswärtsspiel fahren oder reicht es, wenn man zu jedem zweiten Heimspiel geht? Fans wie den Ultras sind natürlich diejenigen ein Dorn im Auge, die in den VIP-Logen oder den teuren Plätzen sitzen. Sie werden nur als Konsumenten angesehen, denen die emotionale Bindung an den Verein fehlt. Auf der anderen Seite werden Fans, denen Fußball viel bedeutet, aber auch aus dem Stadion gedrängt.

ZEIT online: Inwiefern?

Rautenberg: Durch die kommerzielle Entwicklung kann sich nicht mehr jeder leisten, zu einem Spiel zu gehen. Bei uns in Deutschland sind die Preise noch relativ moderat. In England hingegen kostet der Eintritt für ein Spiel in der Ersten Liga bereits ungefähr 50 Pfund (rund 63 Euro). Die Vereine suchen neue Zuschauerschichten, die mehr Geld haben. Aus der Sicht der Fans hegen die aber nicht dieselbe Leidenschaft für den Verein. In Deutschland fühlen sich viele Fans durch die Anstoßzeiten am Sonntag ausgeschlossen. Sie können nicht von Rostock nach Freiburg zu solch einem Spiel fahren, weil sie am Montag arbeiten müssen. Die Vereine argumentieren dann: „Ihr seid nur ein kleiner Teil. Unser Publikum vor dem Fernseher ist der größere.“ So entstehen Deutungskämpfe: Wer hat das Recht auf den Fußball? Wer ist der wahre Fan?

ZEIT online: Werden durch das neuerdings so beliebte Public Viewing jetzt immer mehr Fußballfans geschaffen?

Rautenberg: Da kommt es nicht darauf an, ob man Fan ist oder nicht. Es zählt das gemeinsame Feiern. Public Viewing ist so eine Art Gesellschaftsspiel: eine große Party, die sich natürlich auf das Spiel konzentriert, aber drum herum alles bietet, was anspricht. Die Beliebtheit des Public Viewings zeigt die Wandlung des Fußballs zu einem Event. Es ermöglicht vielen Menschen, sich zu einem gemeinsamen Ereignis gehörig zu fühlen, ob Fan oder nicht.

ZEIT online: Die Party wird natürlich am größten sein, wenn Deutschland Europameister wird. Glauben Sie, dass wir es schaffen?

Rautenberg: Eigentlich hatte ich ja auf Italien getippt, aber nach dem Spiel gegen die Niederlande … Vielleicht wird es ja Portugal. Die Mannschaft fand ich ziemlich beeindruckend, in ihrem ersten Spiel.

Das Interview ist hier erschienen.

Wie erlebt jeder von uns dieses „Grossereignis“ Euro? Ich selber fahre heute beruflich in die Schweiz, ausgerechnet am Tag des Spiels Deutschland gegen Österreich… Als – zu jeder Jahreszeit – überzeugter Österreicher fällt mir der Verzicht auf Public Viewing in Wien nicht ganz so leicht, andererseits ist es irgendwie schon wieder gut, die Sache auf neutralem Boden zu betrachten, noch dazu mit einem deutschen Kollegen und Freund ;-) …!

Über .kroski

Was bewegt mich? ".kroski" widmet sich der Auseinandersetzung Christentum kontra Humanismus. Diese ist mittlerweile zum bedeutsamsten Kulturkampf in unserer Gesellschaft geworden: Atheisten, Humanisten und Naturalisten treten immer schärfer gegen jede Form von Religion auf, und die Kirchen wehren sich zunehmend dagegen. Es geht also weniger um unsere christlichen Positionen in der Auseinandersetzung mit Islam und Judentum. Vielmehr ist es die Konfrontation zwischen dem "evolutionären" Humanismus einerseits und den Kirchen andererseits, die unsere Kinder beschäftigen wird. Da möchte ich meinen kleinen Teil dazu beitragen, christliche Werte glaubwürdig zu vertreten. Grüße aus einem spannenden Leben, .kroski

Veröffentlicht am 15. Juni, 2008 in Aktuelles, Österreich, Deutschland, Sport, Verschiedenes und mit , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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