GOTT spricht zu Wim Wenders

„Mich selbst zu fragen ist wahrscheinlich nicht der richtige Ansatz. Das wird dich, den Leser, nicht packen.“

So beginnt Wim Wenders ein Selbstgespräch über die Frage nach Gott, veröffentlicht in Image. Spannende Sache, finde ich, und so schreibt der Filmemacher weiter:

Ich sollte mir jemand vorstellen, der mit dieser brennenden Frage beschäftigt ist, und dem ich antworten kann. Dabei denke ich jetzt an jemanden, der nicht an Gott glaubt…

„Wie geht’s“ frage ich ihn. (Irgendwie stelle ich mir einen Mann vor. Ich treffe weit weniger Frauen, die nicht an Gott glauben.)

„Gut“, antwortet er.

„Kommen wir zum Punkt“, sage ich. „Du machst den Eindruck eines intelligenten, einfühlsamen, ehrlichen Menschen. Es ist schwierig für mich zu verstehen, wie Du dein Leben lebst ohne mitzubekommen, dass Gott ein Auge auf Dich hat.“

Er lächelt mich an. „So geht’s mir auch. Wie kannst Du überhaupt wissen, dass er ein Auge  auf uns hat? Ich meine wissen, nicht es irgendwie vage spüren.“

„Wenn wir Gott als bewiesen annehmen könnten, so dass wir alle ganz sicher wären, würde es keinen Sinn mehr machen, zu glauben…“

Er unterbricht mich: „Sicher. Aber ‚zu glauben oder nicht zu glauben‘ lässt mir eine Wahlmöglichkeit. Ich habe mich für’s Nichtglauben entschieden. Gott wollte sich mir offenbar nicht zu deutlich zeigen.“

„Hast Du versucht hinzuhören?

„Ja, sehr. Ich habe einfach nichts gehört.“

Wir schweigen eine Weile.

„Das war wohl der falsche Weg“, sage ich schließlich. „Sag mir was anderes. Wie kommt es, dass wir hier überhaupt über Gott nachdenken?“

„Wir könnten auch über irgendein anderes Konzept nachdenken.“

„Es ist allein Gottes Existenz, die jedes Konzept sprengt.“

„Ich bin nicht sicher, dass ich Dir folgen kann“, sagt er.

„Für mich ist Gott der Schöpfer allen Seins, daher auch jedes Konzeptes.“

„Ich höre Dir zu. Aber für mich sind das alles biochemische Reaktionen, Zellaktivitäten und Evolution. Da gibt es keine Notwendigkeit für einen Schöpfer.“

„Du meinst also, das Faktum des Lebens, die eigentliche Existenz der Liebe, kann dadurch erklärt werden?“

„Ja, mein Freund.“

Wiederum Stille. Und ich verstehe, dass es auf Sicht gesehen keine überzeugende Argumentation zwischen einem Gläubigen und einem Nichtgläubigen gibt.

Wenn ich einen Atheisten nicht überzeugen (geschweige denn konvertieren) kann, wenn die Frage an mich selbst redundant ist, wie kann ich dann überhaupt eine Antwort geben?

Ich mache einen Spaziergang. Momentan bin ich am Land in Italien, nicht länger in einer Großstadt. Eigenartig, wie das die Perspektive verändern kann. Manchmal, umgeben von viel Technik und Konsum, haben Leute Schwierigkeiten, Gott zu erfahren. Sie empfinden sich als so selbstgenügend, dass Gott nur eine second-hand-Erfahrung sein kann. (Das ist ziemlich verbreitet heutzutage. Es ist verblüffend wie Menschen heute sich daran gewöhnt haben, ohne eigenes Zutun und Wissen zu leben, ohne ein wirkliches Bedürfnis für ein Leben aus erster Hand.)

Einmal mehr, während ich in einem Feld sitze und die Sonne auf mich herabscheint, frage ich mich: „Warum glaubst Du an Gott, Wim?“

Er hat mich mit meinem Namen gerufen.

Er hat es getan. Das ist alles, was ich am Ende sagen kann.

Dafür danke ich ihm jeden Tag.

Gnade.

Die packendste Erfahrung meines Lebens.

+++

(Im Original geht der nachfolgende Absatz dem Gespräch voraus. Er liest sich – für mich jedenfalls – an dieser Stelle noch besser:  )

Eine lange Zeit meines Lebens war ich fern von Gott, deshalb erinnere ich mich an seine Abwesenheit. Nein, es so zu sagen ist verkehrt. Er war nicht abwesend, ich war es. Ich war in das Exil meines eigenen freien Willens gegangen. Ich irrte durch alle Arten von Philosophien, Ersatzaufklärungen, geistigen Abenteuern, Sozialismus, Psychoanalyse (ebenfalls eine Ersatzreligion). Einige von ihnen werde ich nicht verleugnen oder schlecht reden. Ich bin froh, daß ich dort war – und zurück bin.

Ich erinnere mich, wie ich versuchsweise wieder zu beten begann. Ich erinnere mich, wie es mich langsam veränderte. Ich erinnere mich, wie ich weinte, als ich merkte, dass ich endlich heimgekommen war. Als ich fühlte, wiedergefunden zu sein.

Und wie sich dieses Gefühl langsam in eine Gewissheit verwandelte.

Ja, eine Gewissheit.

+++

PS: Die kleinen Freiheiten beim Übersetzen möge man mir verzeihen. Aufmerksam geworden auf die Befragung des Wim Wenders wurde ich erst durch den Beitrag von Credo ut intelligam, dem ich hiermit danke für den Hinweis!

+++

Bilder: flickr.com, annab.texter, pm.libelli, commons creative-Lizenz

Über .kroski

Was bewegt mich? ".kroski" widmet sich der Auseinandersetzung Christentum kontra Humanismus. Diese ist mittlerweile zum bedeutsamsten Kulturkampf in unserer Gesellschaft geworden: Atheisten, Humanisten und Naturalisten treten immer schärfer gegen jede Form von Religion auf, und die Kirchen wehren sich zunehmend dagegen. Es geht also weniger um unsere christlichen Positionen in der Auseinandersetzung mit Islam und Judentum. Vielmehr ist es die Konfrontation zwischen dem "evolutionären" Humanismus einerseits und den Kirchen andererseits, die unsere Kinder beschäftigen wird. Da möchte ich meinen kleinen Teil dazu beitragen, christliche Werte glaubwürdig zu vertreten. Grüße aus einem spannenden Leben, .kroski

Veröffentlicht am 5. Oktober, 2008 in Atheismus, Christen, Christentum, Film, Gebete, Glaube, Menschen und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 5 Kommentare.

  1. Dietrich Bonhoeffer.

    Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösestens, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alles zum Besten dienen lassen.

    Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müßte alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

    Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden als mit unsern vermeintlichen Guttaten.

    Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Faktum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und
    verantwortliche Taten wartet und antwortet

    @Kroski es ist nicht wichtig, ob der andere glaubt. Es wichtig dass Du glaubst, dass der andere Gottes geliebtes Kind ist und Du ihn danach behandelst.

  2. @rotegraefin

    Danke für Deine Gedanken!

    Dabei möchte ich mit Nachdruck herausstellen, dass ich Zeugnisse anderer Menschen wichtig finde: Wer erklärt denn schon in der Öffentlichkeit, dass er – oder was er glaubt?

    Gut, so schnell dahingesagt meint schnell mal einer in der Öffentlichkeit, dass er gläubig sei. Aber was das im weiteren bedeuten soll, darüber hören wir meist nur Allgemeinplätze („Natürlich glaube ich an Gott, oder jedenfalls an ein höheres Wesen!“), oder wir hören gar nichts.

    Bei Wim Wenders höre ich ein konkretes Bekenntnis heraus: „Gott hat mich beim Namen gerufen.“ – „Ich fühlte, wiedergefunden zu sein.“ Das darf – und soll! – gehört werden!

    Und es nimmt sich doch recht positiv aus – im Vergleich zu Äußerungen von ‚Gloria der Großen‘ ;-)

    An meiner Überzeugung ändern die Zeugnisse nichts. Mein Glaube steht auf gutem Grund. Woran ich arbeite, ist der Weg, besser gesagt, mein ganz persönlicher Weg – aber wer kann schon sagen, dass sein Weg eine einfache und klare Sache ist?

    Grüße. k.

  3. Tja Gott hat mich auch beim Namen gerufen.
    Seit dem ich das erkannt habe, erlebe ich regelmäßig mein blaues Wunder mit den Glorias dieser Welt, weil ganz viele nicht daran glauben, dass es bei ihnen auch so ist.
    Ich glaube das Problem hatte Jesus auch vor 2000 Jahren. Ich schick Dir ne mail.
    Das Private ist das Politische. :)

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