Archiv der Kategorie: Film

GOTT spricht zu Wim Wenders

„Mich selbst zu fragen ist wahrscheinlich nicht der richtige Ansatz. Das wird dich, den Leser, nicht packen.“

So beginnt Wim Wenders ein Selbstgespräch über die Frage nach Gott, veröffentlicht in Image. Spannende Sache, finde ich, und so schreibt der Filmemacher weiter:

Ich sollte mir jemand vorstellen, der mit dieser brennenden Frage beschäftigt ist, und dem ich antworten kann. Dabei denke ich jetzt an jemanden, der nicht an Gott glaubt…

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benvenuto cellini: erst raub der saliera, jetzt opernspektakel.

salzburger *film*festspiele, darf für diese inszenierung der berlioz-oper gesagt werden. daraus ergeben sich interessante vergleichsmöglichkeiten. offensichtlich ist es für zeitgemässe opernaufführungen kein problem, jedenfalls nicht im grossen festspielhaus, so cinemascope-artig wie hollywood blockbuster à la titanic rüberzukommen, das ist für leinwandfreaks schon erstaunlich.

CELLINI IN SALZBURG

das publikum während der aufführung in die beobachtung miteinzubeziehen, ist nicht umsonst, um es vorsichtig auszudrücken: der grösste lacherfolg mit anschliessendem szenenapplaus kommt, als sich cellini und papst sich sportlich abklatschen, sagen wir, zwei Red Bull Salzburg-Spieler hätten gerade ein spektakuläres tor erzielt. einer farce kann ich dieses element gestalterisch selbstverständlich beifügen, kein einwand, aber wie leicht das festspielpublikum zu unterhalten ist, lässt schon tief blicken.  

zurück zum thema film/oper. betrachten wir kurz die budgetgrössen: sommer 2007 = 10.000 besucher x 150 euro = 1.5 mio verdoppelt durch 1 weitere saison = 3 mio. euro, also wird mit etwa 1-3% eines hollywoodbudgets natürlich nur ein promill-bruchteil des blockbusterpublikums erreicht, für den 25-fachen preis einer kinokarte. aber mit diesem vergleichsweise mini-budget lässt sich ein ein überlegener (!!) bühneneffekt erzielen. genug der zahlenspielereien: es ist ernüchternd für hollywood, mit den grossen produktionsbudgets nichts opulenteres erzeugen zu können.

cellini-festspiele.jpg

„Wenn Stölzl mit seiner Regie die Aussagelosigkeit, die Sinnentleertheit dieser Geschichte betonen wollte, hat er gute Arbeit geleistet. Er, der aus der Pop- und Videobranche kommt, scheint sich tatsächlich in ein Filmarchiv zu flüchten. Was er auf seine eigene Bühne bringt, ist eine Aneinanderreihung von Filmzitaten. Klar erkennbar sind „Der Zauberer von Oz“, „Star Wars“, „Batman“, „Nemo“, „Moulin Rouge“, „Peter Pan“, ja sogar „Titanic“, wenn die Teresa dieser Produktion auf Kate Winslet machen muss, die am Bug von Leo Di Caprio gehalten wird. Dann ist sie wieder Tinkerbell. Oder Nicole Kidman. Und was hat R2D2 mit „Cellini“ zu tun?Dabei sind einige der farbenprächtigen und zumeist überfrachteten Tableaux wirklich gelungen und für sich alleine kunstvoll. Aber da permanent und auf jedem Millimeter der Bühne die Pseudo-Handlung peitschend vorangetrieben wird, ermüdet das Auge des Betrachters. Wie bei Werbung oder aggressiven Videos will man wegzappen. Oder sehnt sich nach Zeitlupe. Selbstzweck ohne tieferen Sinn? Wirkt zumindest so. Eine hübsche Bebilderung und Verpackung nicht mehr, aber auch nicht weniger.“ (Kurier)

warum diese vergleiche mit dem medium spielfilm? wie eingangs erwähnt, ist die vorliegende inszenierung mit verschiedensten filmzitaten geradezu eine aufforderung, dies zu tun. mit klarem erfolg für den opernregisseur! der vorangegangene ausschnitt aus einer kritik belegt die filmverliebtheit der regie. in einem punkt gebe ich der kritik allerdings gar nicht recht: nicht die von goethe erarbeitete vita des benvenuto cellini ist sinnentleert: immerhin sagt cellini von sich selbst, drei menschen nicht gerade aus hehren motiven getötet zu haben, und erhält vom papst den ablass geradezu nachgeschmissen, freu dich oh moderne christenseele. vielmehr ist das, was berlioz mit seiner bearbeitung und die aktuellen opernmacher mit ihren mitteln daraus fabrizieren, effektvoll, aber über weite strecken ohne jeden sinn.

Michelangelo Antonioni: tot.

jeder von uns hat filme, die ihn stark beeindruckt haben. death valley, merkwürdig planlose fahrten, sex in der wüste, und am schluss… genug um einen (damaligen) teenager nachhaltig zu fesseln.

„Die Filmfarben sind leicht verblichen, so dass der für altes Filmmaterial so typische Rotstich den Bildern eine Aura melancholischer Nostalgie verleiht. Wer heute das Glück hat, im Kino eine Kopie von Michelangelo Antonionis Zabriskie Point zu sehen, der wird kaum umhin kommen, zu den M. ANTONIONIBildern zunächst eine gewisse Distanz zu wahren, allein auf Grund ihres längst begonnenen und deutlich sichtbaren Verfallsprozesses. Auch die Geschichte, die Antonioni hier erzählt, scheint gealtert. Die Revolution der späten 60er Jahre wirkt wie eine andere Epoche. Marx ist längst aus den Köpfen gewichen, so dass es uns ergehen könnte wie dem Polizisten in Zabriskie Point, der den soeben verhafteten Studenten nach seinem Namen fragt und dessen Antwort für bare Münze nimmt und in seinem Protokoll unwissend mit „Marx, Carl“ vermerkt.

Zabriskie Point ist ein Film über das Weglaufen, über eine Auszeit aus der Gesellschaft. Die Flucht in die Wüste: Daria, Tochter eines Industriellen, verloren auf der Suche nach dem von ihrem Vater mitten im Sand erbauten Ferienparadies, und Mark, eben noch Student, nach einigen Schüssen nun auf der Flucht vor dem verständnislosen Gesetz. Unvermeidlich ihr Zusammentreffen, wie Magnete ziehen sie sich an in der endlosen Leere der Dünenlandschaft.

Über das Sehen, wie in der Szene in der Mitte des Filmes, die beiden Liebenden beim Sex in den Dünen. Die Kraft der Situation entsteht nicht aus dem Wort, sondern über die Bilder des Regisseurs, der das Paar vervielfacht und die ganze Wüste, endlose Dünen, mit Liebespaaren füllt, eine Orgie ZABRISKIE POINTmitten im Death Valley. Über das Sehen, wie in der Szene, in der Daria nach dem Weg fragt in einer Bar mitten im Leeren, an einem Ort, an dem einer Bar als Treffpunkt jeglicher Sinn abhanden kommt und all diese Leere, die Sinnlosigkeit des Ortes sich manifestiert in Bildern von solcher Kraft, dass auch der Rotstich des Materials es schließlich nicht mehr vermag, die Distanz zum Gesehen so groß werden zu lassen, dass es nicht mehr wirken könnte.

Antonionis Bilder wirken, auch heute noch. Auch in Rot. Und vielleicht ist der rote Schleier, der sich über die Einzelbilder legt auch nichts weiter als eine Vorahnung der grandiosen letzten Szene, die den Film in die Annalen der Filmgeschichte eingehen ließ: Eine Explosion von solch ästhetischer Wucht, wie sie keine Explosion in all den explosionsgeladenen Actionfilme der letzten Jahrzehnte wiederholen konnte. Ein Feuerball, der seine Wucht aus dem Paradox nimmt – erneut ein visueller Kunstgriff! – das am denkbar schnellsten ablaufende Ereignis in der denkbar langsamsten Fassung zu zeigen, einer unfassbar langsamen, stilisierenden Zeitlupe.

Und wenn einem dann im Kinosaal von der Leinwand all die Konsumgüter entgegentanzen in ihrem Ballet der Zerstörung, die Kühlschränke und tiefgekühlten Hähnchen, die Kleider und Schuhe und M. ANTONIONISchränke, wenn das Ferienparadies in der Wüste zum wiederholten Mal vor unseren Augen in die Luft gesprengt wird, dann ist auch Karl Marx uns wieder ein bisschen näher gekommen, vermittelt durch die zeitlose Ästhetik des Michelangelo Antonioni.“ (filmzentrale.com)

oder wie der von mir geschätzte GUARDIAN meint, durchaus relativierend, denn es gibt natürlich bedeutendere filme als den beschriebenen. „Antonioni’s A to Z of that era ended with Zabriskie Point (1970), a gallant attempt by this middle-aged European intellectual to penetrate the dreams and despairs of America’s Vietnam generation. He filmed part of it in Death Valley, California, and ended it with an explosion which sent the trophies of the consumer society flying into space. The film was perhaps a failure, but of a kind that has certainly not become less interesting with the years.“

klappe, aufwachen, und wieder nach vorne schauen. danke, michelangelo antonioni!